Original in: Psychologie
und Gesellschaftskritik, 18. Jg. (1992), Nr. 62, Heft 2 (»Euthanasie
+ Modernisierung 1939 bis 1945«), S. 69-79. Am 13.9.1993
um das Kapitel »Moderne Sozialpsychiatrie« erweiterte
und gelegentlich aktualisierte Fassung, zuletzt am 3.3.2026
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Peter
Lehmann (nicht verwandt mit J. F. Lehmann)
Fortgeschrittene Psychiatrie Der J. F. Lehmanns Verlag als Wegbereiter der Sozialpsychiatrie
im Faschismus
Wer kennt die Rolle, die J. F. Lehmann und sein Verlag beim Aufblühen
der biologisch orientierten Sozialpsychiatrie im Faschismus und
der Weiterentwicklung im heutigen Psychiatriewesen spielten? Welche
Ideologie förderte dieser Mann, wer waren seine Freunde?
Welche Ideologien sind heute noch wirksam? Viele Leserinnen und
Leser werden mit diesen Fragen nichts anzufangen wissen, Verdienst
von Medizin-Historikern, die von Ausnahmen wie dem deutschen
Psychologen Hans L. Siemen (1982, 1987) oder dem US-amerikanischen
Psychiater Peter R. Breggin (1993b) abgesehen die sozialpsychiatrischen
Gräueltaten im deutschen Faschismus hauptsächlich Adolf
Hitler und seinen Nazis anlasteten und somit wenig dazu beitrugen,
die Ursprünge der biologisch orientierten Sozialpsychiatrie
und ihre katalysatorische Wirkung und vielleicht entscheidende
Bedingung der Möglichkeit für den Holocaust (Schmuhl
2008, S. 33) offenzulegen.
Über Sozialpsychiatrie
Selbstverständlich unterscheiden sich die rassenhygienisch
orientierten frühen sozialpsychiatrischen Bestrebungen durchaus
von der heutigen Ausprägung der Sozialpsychiatrie, verstanden
als Organisationsebene der Psychiatrie, die sich schwerpunktmäßig
mit Früherfassung von mikropolitisch Abweichenden, Registrierung
und psychopharmakologischer Langzeitbehandlung befasst. Die biologisch
orientierte Sozialpsychiatrie hat inzwischen ihr belastendes antisemitisches
Gedankengut abgeworfen. An ihrem Ansatz der Vererbungslehre hält
sie allerdings fest, auch wenn sie ihn zeitgemäß weniger
stark betont. Versteckt im multifaktoriellen Gedankenkonstrukt
der psychischen Krankheit, existiert der Glaube an
die bestimmende Rolle der Genetik nach wie vor im psychiatrischen
Denken und Handeln. Entsprechend dem Stand der Technik herrschen
in sozialpsychiatrischer Praxis heute biochemische Substanzen
vor, speziell Neuroleptika (antipsychotische Medikamente);
langfristig genug in ausreichender Dosis eingesetzt, entfaltet
diese Chemobehandlung für die Zeit ihres Vollzugs aufgrund
der den Eisprung und die natürliche Sexualität
unterdrückenden Wirkung speziell der Neuroleptika eine pharmakologisch
bedingte faktisch sterilisierende Wirkung (P. Lehmann 1996, S.
45-48, 56f.; 2015; Riecher-Rössler & Heck 2012, S. 83).
Und die Sozialpsychiatrie wertschätzt nach wie vor den im
Faschismus aufgekommenen Elektroschock.
Äußerst progressiv gibt sich die biologisch orientierte
Sozialpsychiatrie heute wie damals, zu Zeiten der Rassenhygiene,
speziell in ihrer Kritik der Anstaltspsychiatrie, die den zeitgemäßen
Erfordernissen von zumindest kurzfristiger Kostendämpfung
nicht mehr nachkomme. Darüber hinaus bieten die neuentwickelten
Langzeitpräparate die Möglichkeit, Psychiatriebetroffene
über längere Zeiträume außerhalb der Anstalt
in sozialpsychiatrisch überwachten (beschützten)
Einrichtungen zu halten und sie beispielsweise in Selbsthilfefirmen
zuvor arbeitsloser Akademiker finanziell auszubeuten. Aber auch
in nicht mehr arbeitsfähigem Zustand sind Psychiatriebetroffene
von ökonomischen Wert für die Behandler und die Pharmafirmen,
die die Psychopharmaka zur Ruhigstellung liefern, garantieren
die Betroffenen doch zu ihren wenn auch um durchschnittlich
ca. zwei Jahrzehnte verringerten (Weinmann et al. 2009; Aderhold
2010; Editorial 2011; Foley & Morley 2011; Lehmann 2012)
Lebzeiten die Finanzierung psychosozialer Stellen und den Absatz
der Pharmaprodukte.
Die Betroffenen sind im Prinzip dieselben geblieben, Menschen
mit störender und unbequemer Lebens- und Sinnesweise, die
sich nicht in marktwirtschaftliche Lebens- und Verwertungszusammenhänge
einordnen lassen (wollen), Menschen, deren Verzweiflung, Verweigerung
von Kommunikation, Verfolgungsgefühle, Phantasien, Euphorie,
Todeswünsche usw. einer zielgerichteten teuren Verständnislosigkeit
(Kempker 1991) zum Opfer fallen. Dass die moderne biologisch orientierte
Sozialpsychiatrie mit den rassistischen, antisemitischen, militaristischen
und nationalistischen Kreisen ihrer Entstehung durchaus etwas
zu verschweigen hat, wird deutlich, wenn wir sehen, in welchem
Umfeld der heute von Psychiatern weltweit geachtete Emil Kraepelin
und seine Nachfolger ihr Programm der biologisch orientierten
Sozialpsychiatrie entwickelten.
Die verlegerische Verkupplung von Sozialpsychiatrie und Faschismus
Das Zusammengehen der Psychiatrie der Weimarer Zeit mit einer
politischen Bewegung wie dem Nationalsozialismus war programmiert.
Überall, wo Menschen psychiatrisches Denken entfalteten,
begannen sie, soziale, das heißt, sozialpolitisch
motivierte Behandlungsmethoden zu entwickeln, unter anderem Sterilisation,
Kastration und Ausmerzung. Dies war nicht nur eine deutsche oder
Schweizer Erscheinung; auch England und die USA waren von diesen
Entwicklungen betroffen, Produkte eines rationalistisch und patriarchalisch
ausgerichteten Wissenschaftsverständnisses (Bergmann 1988).
Allerdings stellte, so der US-amerikanische Psychiater Peter Breggin
(1974, S. 151), in den 1930er-Jahren Deutschland das psychiatrisch
fortgeschrittenste Land der Welt dar. Der Arzt Marc Rufer aus
Zürich machte auf die Beteiligung von Schweizer Psychiatern
wie August Forel und Eugen Bleuler am Zustandekommen der sozialpsychiatrischen
Verbrechen im NS-Staat aufmerksam:
»Im Jahre 1924 spricht sich Forel für die
Ermordung von missgebildeten und oligophrenen (schwachsinnigen)
Kindern aus. Er scheut sich nicht, die Beseitigung defekter
Untermenschen zu fordern. (...) Noch weiter als Forel geht
Eugen Bleuler, der 1936 einem ärztlichen Kollegium das Recht,
körperlich gesunde Geisteskranke zu töten,
zusprechen will.« (1993, S. 140f.)
Bleuler hatte 1936 geschrieben:
»Eine nicht so einfach zu beantwortende Frage ist die,
ob es erlaubt sein sollte, objektiv lebensunwertes Leben
anderer zu vernichten, ohne den ausdrücklichen Wunsch des
Trägers. (...) Auch bei unheilbaren Geisteskranken, die
unter Halluzinationen und melancholischen Depressionen schwer
leiden und nicht handlungsfähig sind, würde ich einem
ärztlichen Kollegium das Recht und in schweren Fällen
die Pflicht zuschreiben, die Leiden abzukürzen oft
für viele Jahre.« (S. 206)
In Zusammenhang mit der Verbreitung und Umsetzung sozialpsychiatrischer
Ideen muss ein Mann besonders erwähnt werden: Julius Friedrich
Lehmann.
Lange vor 1933 entwickelten Psychiater Ideen,
die sie zielstrebig publizierten und speziellen Interessensträgern
zur praktischen Anwendung weitertrugen. Unter all den Förderern
sozialpsychiatrischer Interessen fällt immer wieder der Name
J. F. Lehmann. Geboren 1864 in Zürich als viertes Kind des
Dr. med. Friedrich Lehmann und dessen Frau Friederike, geborene
Spatz, beide aus Deutschland stammend, machte sich J. F. Lehmann
1890 in München als Verleger selbstständig, gründete
eine medizinische Buchhandlung und übernahm gleichzeitig
die Herausgabe der Münchener Medizinischen Wochenschrift
(MMW). J. F. Lehmann sorgte dafür, dass das ungeschriebene
Gesetz der MMW erhalten blieb, »dass nie ein Jude
in das Herausgeberkollegium aufgenommen werde« (»Jahre«
1940, S. 43), was offenbar keinen der angesehenen reinrassigen
Mediziner davon abhielt, diese Zeitschrift mit Beiträgen
aufzuwerten.
J. F. Lehmann sah nicht nur seinen Verlag »im Schützengraben«
stehen; er beteiligte sich auch persönlich aktiv am politischen
Kampf. Hier seien einige der rassistischen und nationalistischen
Organisationen genannt, in denen er mitarbeitete und gleichzeitig
seine Verlagsprodukte verteilte: Thule-Gesellschaft, Gesellschaft
für Rassenhygiene, Evangelischer Bund, Deutsch-Völkischer
Schutz- und Trutzbund, Freikorps von Epp und schließlich
NSDAP. Gary D. Stark aus Arlington, Texas, kommt in einer 1976
veröffentlichten Abhandlung zum Ergebnis, dass J. F. Lehmann
in der einzigartigen Lage war,
»... mit größtmöglicher Wirkung sowohl
das verlegerische Medium als auch seinen persönlichen Einfluss
und den innerhalb von Organisationen zu koordinieren
also persönliche, verlegerische und Gruppenaktivitäten
in einer Weise zu verbinden, wie es keinem anderen Rassenideologen
möglich war.« (Stark 1976, Sp. 314)
Finanziell große Vorteile brachten J. F. Lehmann seine
militaristischen Publikationen, die er ab 1906 herausbrachte,
so zum Beispiel mit seinem Jahrbuch »Taschenbuch der Kriegsflotte«.
Seine kriegsverherrlichenden Schriften wurden zum großen
Teil durch die Münchener Reichswehrführung aufgekauft.
1917 brachte er die politische Kampfschrift Deutschlands Erneuerung
heraus, die eine völkische Wiedergeburt »durch Hinwegfegen
alles Volksfremden, Zerstörenden und Verräterischen«
herbeiführen wollte und sich insbesondere »gegen die
jüdisch-demokratische Vorherrschaft, gegen den Frieden von
Versailles, gegen Pazifismus und Marxismus« wandte. Als »Bücher
für das Wartezimmer« pries er nach dem Ersten Weltkrieg
(unter anderem in seiner MMW) Bücher wie »Im
Felde unbesiegt« oder »Auf See unbesiegt« an. Geld
verdiente J. F. Lehmann auch mit der Herausgabe diverser medizinischer
Bücher. Mit kaufmännischem und politischem Weitblick
machte er zudem Autoren wie den Psychiater Alfred E. Hoche hoffähig;
dieser schrieb später (1920 im Leipziger S. Meiner Verlag)
mit Karl Binding das folgenreiche Buch »Die Freigabe der
Vernichtung lebensunwerten Lebens«.
Seine reaktionären politischen Aktivitäten führten
J. F. Lehmann zwei Mal kurzfristig ins Gefängnis zuerst
während der Münchener Räterepublik; gerade freigelassen
schloss er sich den bewaffneten Freikorps an, die sich blutig
an den Spartakisten und ihren tatsächlichen und vermeintlichen
Anhängerinnen und Anhängern rächten. Erneut kurzfristig
verhaftet wurde J. F. Lehmann wegen Umsturzverdachts dann unter
der Regierung Kurt Eisner. Von der zuvorkommenden Behandlung im
Gefängnis wenig abgeschreckt, ließ J. F. Lehmann in
seinen Bestrebungen nicht locker. Schon 1920 schloss er sich als
eines der ersten Mitglieder der Nazi-Partei an. Am 9. November
1923 stellte er Hitler für dessen Putschversuch das eigene
Haus zur Verfügung, in das der spätere Führer-Stellvertreter
Rudolf Heß gemeinsam mit 30 bis 40 Gesinnungsgenossen die
amtierenden bayerischen Minister als Geiseln verschleppte. Mit
Hitler war J. F. Lehmann schon in der ersten Jahren der Bewegung
in Berührung gekommen und hatte sofort dessen »Führerkraft«
entdeckt. 1924 publizierte er Hitlers Putschbegründung; Hitler
forderte hier die »Vernichtung auch des letzten Marxisten
zur Rettung des Vaterlandes« (Hitler 1924). 1933 durfte sich
J. F. Lehmann dann freuen, als das »Gesetz zur Verhütung
erbkranken Nachwuchses« von Gütt / Rüdin / Ruttke,
das »Blutschutz- und Ehegesundheitsgesetz« von Gütt
/ Linden / Maßfeller und die »Richtlinien der Schwangerschaftsunterbrechung
und Unfruchtbarmachung« der Reichsärztekammer, allesamt
in seinem Verlag erschienen, sämtlichen deutschen Arztpraxen
als Pflichtexemplare aufgenötigt wurden. Entsprechend dankbar
äußerte sich Adolf Hitler gegenüber seinem Gesinnungsgenossen
J.F. Lehmann und nach dessen Tod der Münchener Gauleiter
Adolf Wagner gegenüber dem J. F Lehmanns Verlag.
J. F. Lehmann und die Rassenhygiene
Neben den medizinischen und nationalistisch-militaristischen
Schriften bildete die rassenhygienische Literatur den dritten
Schwerpunkt des Verlags. Als erstes rassenpolitisches Buch veröffentlichte
J. F. Lehmann 1909 die »Deutsche Rassepolitik und die Erziehung
zu nationalem Ehrgefühl« von Eberhard Meinhold, einem
Hauptmann a.D., der »weit vorausschauende Forderungen besonders
für unsere Ostpolitik« aufstellte. Auf der Internationalen
Hygiene-Ausstellung in Dresden im Jahre 1911 entstand unter der
Leitung des Schweizer Psychiaters Ernst Rüdin und des Arztes
und Zuchtvolk-Befürworters Max von Gruber eine besondere
Abteilung für Rassenhygiene; der Ausstellungskatalog erschien
unter dem Titel »Fortpflanzung, Vererbung, Rassenhygiene«
im J. F. Lehmanns Verlag und bildete den Grundstein seiner rassenhygienischen
Abteilung.
Rüdin war nicht nur ein Protegé Kraepelins
und Schüler Eugen Bleulers sowie Präsident der Gesellschaft
deutscher Psychiater und Nervenärzte (GDPN), der Vorläuferorganisation
der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie
und Neurologie (DGPPN), sondern wie auch Bleuler
Schüler August Forels, eines Schweizer Psychiaters und Hobbyameisenforschers
und der Vorgänger Bleulers als Direktor der bekannten Anstalt
Burghölzli. >»Vor dem Hintergrund eugenischer
und rassehygienischer Denkweisen galten die Sterilisationsgesetze
bei vielen Psychiatern als vorbildlich«, so Frank
Schneider (2010) als DGPPN-Präsident. Internationale Anerkennung
war Forel seinerzeit von Seiten seiner Kollegen widerfahren, nachdem
er 1892 in seiner Anstalt die erste Sterilisation aus psychiatrischen
Gründen durchführen hatte lassen (P. Lehmann 1993, S.
30). Außerdem hatte er stolz veröffentlicht, dass mehrere
führende Persönlichkeiten der Pariser Kommune von 1871
in Schweizer Anstalten geendet hatten (Stelzner 1919, S. 395).
Die Interessen der Männer, die als Freunde, Autoren, Parteigenossen
und Unterstützer J. F. Lehmanns im Laufe der Jahre auftauchen,
stecken auch das Spektrum der frühen biologisch orientierten
Sozialpsychiatrie ab. Seine Witwe Melanie Lehmann erinnert sich
1935 in ihrer Biographie an den Werdegang ihres Ehemanns; dieser
habe sich im Schweizer Davos 1908/09 und 1910/11
»... viel mit den Gedanken der Rassenhygiene beschäftigt
und manches darüber gelesen. Der Gedanke, beim Heiraten
ein Gesundheitszeugnis zu verlangen und die Fortpflanzung von
körperlich oder geistig Kranken zu verhindern, wurde schon
damals erwogen. Diese Bewegung, die ihn mit Gruber, Kraepelin,
Rüdin und Ploetz, später mit Fritz Lenz, Baur und
Fischer zusammenführte, hat bald sein wärmstes Interesse
erregt.« (M. Lehmann 1935, S. 36)
1914 stieß Grubers junger Mitarbeiter Fritz Lenz zu J.
F. Lehmann und schrieb wiederholt Aufsätze zur Rassenhygiene
und Bevölkerungspolitik für Deutschlands Erneuerung
und andere Zeitschriften des Verlags. 1921 erschien bei J. F.
Lehmann auf Anregung Erwin Baurs, des späteren Leiters des
Kaiser-Wilhelm-Instituts für Züchtungsforschung, ein
Lehrbuch (Lenz 1921), an dem sich Fischer als Anthropologe und
Lenz als Rassenhygieniker beteiligten und das zum »Standardwerk
der deutschen Erbforschung und Rassenhygiene« wurde.
Zeitliche Reihenfolge umarbeiten: Mitbeteiligt an diesem Erfolg
war wesentlich Eugen Bleuler, der schon vor dem 1. Weltkrieg Jahre
rassenhygienische Maßnahmen gutgeheißen hatte. In
seinem Buch »Dementia praecox oder Gruppe der Scbizophrenien«
von 1911 bezeichnete er zwar die Kastration von Schizophrenen
als unnütz, sah jedoch in Sterilisationen ein großes
psychiatrisches Maßnahmepotenzial:
»Sterilisation wird aber hoffentlich hier wie bei anderen
koitusfähigen Trägern einer pathologischen Anlage aus
rassehygienischen Gründen bald in größerem Maßstab
angewendet werden können.« (Bleuler 1911, S. 382)
Diese verhängnisvolle rassenhygienische Bestrebung setzte
sich nach Kriegsende fort, insbesondere nachdem in Burghölzli
unter Bleulers Leitung Pazifisten und andere Gegner des Ersten
Weltkriegs als »unverantwortliche Agitatoren« eingesperrt
wurden. Wie sein Assistenzarzt Jörger schrieb, waren diese
Individuen, aufgestachelt durch den Erfolg der Russischen Oktoberrevolution
von 1917, zu psychisch kranken Friedensaposteln und
Kriegsgegnern durch »ein Scherzspiel der Natur« (Jörger
1918, S. 133) geworden. 1923 unterstütze dann Bleuler in
der Münchener Medizinischen Wochenschrift den rassenhygienischen
Eifer von Lenz und warnte vor einer »Verpöbelung der
Rasse«. Er pries die 2. Auflage von dessen Buch »Menschliche
Auslese und Rassenhygiene« [= Baur/Fischer/Lenz: »Grundriss
der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene«, Band
2, München 1923] mit den Worten an:
»Klaren und mutigen Auges sucht Lenz all die Gefahren
auf, die den Kulturvölkern drohen, nicht um zu verzweifeln,
sondern um einzusehen, dass für eine Sache allerhöchsten
Wertes zu kämpfen ist, und die Mittel zu suchen, wie in
letzter Stunde das Verhängnis abgewendet werden kann. Und
er kennt Mittel, wirkliche Mittel, die möglich sind, sogar
bei dem traurigen Mangel an Rassegefühl in Mitteleuropa.«
(Bleuler 1923, S. 1489)

Und 1931 lobte Bleuter das von J. F. Lehmann publizierte Buch
»Menschliche Auslese und Rassenhygiene (Eugenik)« [=
Baur/Fischer/Lenz: »Menschliche Erblichkeitslehre und Rassenhygiene«,
Band 2]:
»Die praktischen Vorschläge des Verfassers in dieser
schwierigen Materie rechnen mit den Menschen wie sie sind: ihre
Durchführung ist nicht unmöglich: nur setzen sie voraus,
dass das Verständnis für die Bedeutung der Rassenhygiene
viel allgemeiner werde, wozu das Buch gewiss viel beitragen
wird.« (Bleuler 1931)
Mitgeholfen hatten Lenz bei seinen rassenhygienischen Ergüssen
neben Bleuler unter anderem Rüdin, Hoche, Muckermann und
Ploetz. 1922 übernahm der J. F. Lehmanns Verlag das 1904
vom Rassenfanatiker Alfred Ploetz gegründete Sprachrohr der
Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene, das Archiv für
Rassen- und Gesellschaftsbiologie. Groß sei die Zahl
Ploetz' Freunde gewesen, schrieb 1940 (fünf Jahre nach J.
F. Lehmanns Tod) Lehmanns ehemaliger Mitgesellschafter und Schwiegersohn
Otto Spatz im Jubelwerk »50 Jahre J. F. Lehmanns Verlag«:
Gruber, Kraepelin, Rüdin, Fischer, Baur, Lenz, Hitlers späterer
Innenminister Arthur Gütt und selbstverständlich J.
F. Lehmann zählten zu dieser illustren Gruppe (»Jahre«
1940, S. 70).
1926 war die Zeitschrift Volk und Rasse im J. F. Lehmanns
Verlag erschienen. bald schon gehörten der spätere NSDAP-Landwirtschaftsminister
Darré, Gütt, Himmler und andere Kapazitäten
der Schriftleitung dieses Blattes an.
Kraepelin, Diktatur und Sozialpsychiatrie
Schon 1918 forderte Kraepelin den
rücksichtslosen Eingriff in die Lebensgewohnheiten der Menschen
von Seiten eines Diktators:
»Ein unumschränkter Herrscher, der, geleitet von
unserem heutigen Wissen, rücksichtslos in die Lebensgewohnheiten
der Menschen einzugreifen vermöchte, würde im Laufe
weniger Jahrzehnte bestimmt eine entsprechende Abnahme des Irreseins
erreichen können.« (S. 270)
Zwei Jahre später forderte Kraepelin 1920 eine Ausweitung
psychiatrischer Praxis: gegen alle möglichen Formen des Sittenverfalls,
gegen das Abhandenkommen einer einheitlichen, bestimmten Richtung
im Fühlen, Denken und Handeln und gegen den Internationalismus
(Marxismus). Für diese Stoßrichtung prägte er
am 9. November 1920 bei einem Vortrag vor der Deutschen
Forschungsanstalt für Psychiatrie den Begriff der sozialen
Psychiatrie als Mittel zur inneren Kolonisation.
»Sollte sich, was ich erwarte, zeigen, dass in der Tat
der Entwurzelung eine gewisse Rolle für die ungünstige
Entwicklung der seelischen Persönlichkeit zukommt, so wäre
es unsere Aufgabe, nach Mitteln zu suchen, die dieser Schädigung
entgegenzuwirken geeignet sind. Vor allem dürften hier
Maßnahmen der inneren Kolonisation in Betracht kommen,
die den Zusammenhalt der Familien festigen, die Möglichkeit
der Siedelung auf eigenem Grund und Boden, ferner die Förderung
der Familienforschung, der Familienstiftungen, die Begünstigung
der Frühehe, die Erleichterung der Kinderaufzucht, um der
Zersprengung der Familien entgegenzuwirken, das Verbot der Kinderarbeit,
die Eindämmung des Kneipenwesens, endlich alle Mittel,
die den zersetzenden Einflüssen des Internationalismus
Einhalt gebieten und der Kräftigung des inneren Zusammenhaltes
der Volksgenossen dienen. (...) Wenn alle diese Aufgaben auch
weit, weit über das Gebiet der psychiatrischen Fachwissenschaft
hinausreichen, so sollten doch psychiatrische Gesichtspunkte
dabei nicht außer acht gelassen werden. Gerade die Frage
der Entwurzelung ist daher neben so manchen anderen geeignet,
uns Ausblicke auf die zukünftige Entwicklung einer Wissenschaft
zu gewähren, die wir heute mehr ahnen als kennen, auf eine
soziale Psychiatrie.« (Kraepelin 1921, S. 7f.
Hervorhebung im Original)
Die Notwendigkeit der Entwicklung einer solchen sozialen
Psychiatrie war in Deutschland den Psychiatern im Anschluss an
den 1. Weltkrieg deutlich vor Augen getreten: Psychisch kranke
Soldaten (Kriegsunwillige, Disziplinlose) hatten die militärische
Niederlage und den sogenannten Elendsfrieden von Versailles zu
verantworten, psychisch kranke Politiker (Erich Mühsam,
Ernst Toller etc.), die zudem oft genug dem entarteten
jüdischen Volk mit dessen zersetzenden Kräften
des Internationalismus zuzuordnen waren, hatten den diagnostizierenden
Psychiatern mit der Novemberrevolution und der Münchener
Räterepublik 1918/19 die Gefahr einer seuchenartigen
Ausweitung solcherart psychischer Krankheiten deutlich
aufgezeigt (P. Lehmann 1993, S. 25ff.).
Wie wenig dazu gehört, einen Psychiater wie Kraepelin zu
durchschauen, zeigte Ernst Toller in seiner Biographie »Eine
Jugend in Deutschland«, als er 1924 seine Zeit zu Beginn
des Jahres 1918 in Kraepelins Anstalt beschrieb:
»Man soll nicht zu große Ansprüche an Ärzte
stellen, ist einer schlau, hat er bald das Abrakadabra der guten
alten weisen Frauen begriffen, und an Stelle von roten Schutzbändchen
und magischen Sprüchlein liefert er das Seinige. Von dem,
was den Menschen bedrückt, weiß er nichts, und wenn
er es weiß, versteht er es nicht. Der Direktor der psychiatrischen
Klinik ist jener berühmte Professor Kraepelin, der in einem
Münchener Bierkeller einen Bund zur Niederkämpfung
Englands gegründet hat.
Herr, fährt er mich an, als ich ihm vorgeführt
werde, wie können Sie es wagen, die berechtigten Machtansprüche
Deutschlands zu leugnen, dieser Krieg wird gewonnen, Deutschland
braucht neuen Lebensraum, Belgien und die baltischen Provinzen,
Sie sind schuld, daß Paris noch nicht erobert ist, Sie
verhindern den Siegfrieden, der Feind heißt England.
Das Gesicht des Herrn Professor rötet sich, mit dem Pathos
des manischen Versammlungsredners sucht er mich von der Notwendigkeit
alldeutscher Politik zu überzeugen, ich lerne, daß
es zwei Arten Kranke gibt, die harmlosen liegen in vergitterten
klinkenlosen Stuben und heißen Irre, die gefährlichen
weisen nach, daß Hunger ein Volk erzieht und gründen
Bünde zur Niederwerfung Englands, sie dürfen die harmlosen
einsperren.
Wir sprechen zwei Sprachen, Herr Professor, sage ich,
ich verstehe vielleicht Ihre Sprache, aber meine Worte sind
Ihnen fremder denn chinesisch.« (Toller 1979, S. 106f.)
Im August 1919 hatte Kraepelins Anstaltskollege Eugen Kahn, dem
es wie Kraepelin vergönnt war, die Führungspersönlichkeiten
der politisch-sozialen Umwälzungen zu untersuchen, die Frage
aufgeworfen, wie die makro- und mikropolitischen Machtverhältnisse
vor dem Wirken von Geisteskranken geschützt werden
können; dazu führte Kahn in J. F. Lehmanns MMW
aus:
»Der Beantwortung dieser Frage ist das Eingeständnis
vorauszuschicken, dass die Psychiatrie bis jetzt so gut wie gar
nicht in der Lage ist, die psychopathische Veranlagung therapeutisch
zu beeinflussen. Es lässt sich wohl denken, dass späterhin
eine Ertüchtigung der Psychopathen bis zu einem gewissen
Grade, eine Sozialisierung in dem Sinne, dass gute Fähigkeiten
entwickelt, antisoziale Eigenschaften unterdrückt werden,
durch frühzeitiges Einsetzen einer Heilerziehung in besonderen
Anstalten erstrebt werden kann. Einrichtungen für diesen
Zweck sind eine unabweisbare Notwendigkeit.« (Kahn 1919,
S. 969)
Gefordert war die vorbeugende Psychiatrie, die die psychisch
kranke Veranlagung therapeutisch so weit
wie möglich beeinflusst und, soweit diese Beeinflussung an
der Schwere der psychischen Krankheit scheitert, die
Weitergabe und das Ausleben der kranken Veranlagung
(Entartung) verhindert.
Die diversen sozialpsychiatrischen Bestrebungen waren der deutschen
Großindustrie natürlich nicht verborgen geblieben;
so unterstützte beispielsweise Krupp von Bohlen und Halbach
durch private Spenden die (auf Vorschlag Kraepelins) von Rüdin
geleitete erwähnte Forschungsanstalt (Labisch & Tennstedt
1985, S. 169). Mit Fritz Thyssen taucht in diesem Umfeld ein anderer
Großindustrieller auf; nachdem Lenz nach 1933 Mitglied des
Sachverständigenausschusses für Bevölkerungs-
und Rassenpolitik geworden war, trat der einschlägig
interessierte Thyssen ebenfalls diesem Experten-Gremium
bei, dem mit Ploetz, Rüdin und Himmler psychiatrisch und
rassenhygienisch erfahrene Mitstreiter angehörten.
Eines der von Lenz bereits 1921 vorgeschlagenen rassenhygienischen
Mittel war die Konzentration auf die jüdische Rasse,
nach seiner Meinung biologisch bedingte »geborene Schauspieler,
geborene Redner und Demagogen«, die es auszuschalten gelte.
Ein anderes Mittel zur Gesunderhaltung der Rasse glaubte
der von J. F. Lehmann gesponserte Lenz in der Abschottung Deutschlands
gegenüber Einwanderern aus östlich gelegenen Ländern
und der Ausdehnung des deutschen Kulturvolkes nach
Osten ausgemacht zu haben. In der (erstmals 1916) von J. F. Lehmann
verlegten Zeitschrift Osteuropäische Zukunft begeisterte
er sich für die nordische Rasse, wozu das deutsche
Volk gehöre; dieses werde, wenn es keine geeigneten Maßnahmen
ergreife, von der turanischen Rasse, das heißt,
von aus Nord- und Zentralasien stammenden Menschen verdrängt,
denn dieser Menschentypus
»... lebt in den Tag hinein und vermehrt sich sorglos.
Der turanischen Rasse wird daher die Zukunft Europas gehören,
wenn die nordische Rasse nicht noch in letzter Stunde ihre Gefahr
erkennt und ihre ewige Sendung.« (Lenz 1917, S. 22)
Im Osten allein lägen wirkliche Zukunftsmöglichkeiten
für das deutsche Volk, und es sei besser, dass jährlich
dorthin eine Million Deutscher auswandere, als dass diese Million
ungeboren bleibe, so Lenz. Ein Jahr später forderte er in
Deutschlands Erneuerung aus rassenhygienischen Gründen
die Ausdehnung deutscher Bauernsiedlungen in den Osten als »eine
der dringendsten Lebensfragen unseres Volkes«.
Lenz' Kamerad Bleuler starb im Juli 1939, kurz vor dem zweiten
Aufbruch der nordischen Rasse in Richtung Osten und
vor der industriellen, von biologisch orientierten Sozialpsychiatern
an Anstaltsinsassen erprobten Ermordung in Gaskammern (Lapon 1986).
In ihrem Nachruf dankten ihm Rüdin (als Vorsitzender der
Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater) und sein Kollege
Hans Roemer (im Namen der Allgemeinen Zeitschrift für
Psychiatrie und ihre Grenzgebiete) für die Schöpfung
des Begriffs Schizophrenie, den regen und fruchtbaren
Austausch zwischen der Schweizer und der deutschen Psychiatrie
sowie für seine bahnbrechenden Forschungen (Rüdin &
Roemer 1940).
Moderne Sozialpsychiatrie
Wer heutzutage Kritik an biologisch orientierten sozialpsychiatrischen
Positionen äußert, hat es schwer, Gehör zu finden,
auch und gerade im sich linksliberal verstehenden Lager. Noch
nicht einmal die Tatsache, dass die modernen Sozialpsychiater
in aller Regel nach wie vor am Elektroschock festhalten, einer
von dem Mussolini-Vertrauten und Kraepelin-Schüler Ugo Cerletti
im italienischen Faschismus entwickelten Maßnahme, die zu
massiven Langzeitschäden im Gehirn führen kann (Breggin
1980; P. Lehmann 2023), mindert das progressive Image kritischer
Psychiater. Der Behandlungserfolg, die durch den Stromstoß
gesetzte Traumatisierung des Gehirns, wirke sich auf Psychosen
günstig aus und gehe
»... auf Kosten einer, wenn auch noch so harmlos erscheinenden
Krampfschädigung der Hirnsubstanz im weitesten Sinne, deren
Auswirkungen auch neuropathologisch nachgewiesen werden konnten.
Diese mussten und konnten in Kauf genommen werden...« (Harlfinger
& Schulte 1967, S. 327),
so zwei Psychiater im »Almanach für Neurologie und
Psychiatrie«, erschienen 1967 im ..... J. F. Lehmanns Verlag.
Ähnlich auf den ersten Blick kritisch, aber dennoch durch
und durch zustimmend zu dieser barbarischen Behandlungsmethode,
äußern sich an anderer Stelle führende fortschrittliche
Sozialpsychiater, Erich Wulff (1986, S. 15) oder Klaus Dörner.
Letzterer empfiehlt für den Fall, dass der Therapeut
»unfähig zu einer ausreichend wirksamen therapeutischen
Beziehung« sei, den Vollzug des Elektroschocks, um »den
seelisch leidenden vorübergehend in einen hirnorganisch kranken
Menschen« zu verwandeln, schließlich fühle sich
»der Patient nach der EKT (Elektrokrampf-Therapie,
P.L.) fast immer kurzfristig freier und selbstständiger«;
die Stromschläge entzögen ihm die Aufmerksamkeit für
sein psychotisches Handeln; Dörner-Originalton:
»Lebens- oder Körperangst kann psychotische Angst erübrigen.«
(Dörner & Plog 1992, S. 545f.)
Und die Deutschen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie (DGSP),
der Interessenverband sozialpsychiatrisch Tätiger, empfiehlt
gar Hochdosis-Elektroschocks, indem sie die Erzählung verbreitet,
Elektroschocks würden die Neuroplastizität im Gehirn
fördern und es gebe »für Menschen mit depressiven
Störungen für bilaterale, Hochdosis- bzw. Kurzpuls-EKT-Behandlungen
einen klaren Effektivitätsnachweis hinsichtlich einer antidepressiven
Wirkung« (DGSP 2025, S. 2).
Wie gering die Konsequenzen aus den psychiatrischen Massenmorden
während des deutschen Faschismus ausfielen, zeigt sich im
ungebrochenen Fortbestehen des J. F. Lehmanns Verlags, nach 1945
weiterhin Publikationsmedium von Anstalts- und Sozialpsychiatern.
Der US-Amerikaner Wolf Wolfensberger wunderte sich 1993,
»... dass der Lehmanns Verlag nach dem Zweiten Weltkrieg
als den Nazis nahestehende Organisation aufgelöst, durch
einen anderen Verlag mit neuer Leitung übernommen, aber
mit dem selben Namen weiterbetrieben wurde. Tatsächlich
führten alle offiziellen Buchhandlungen der bundesrepublikanischen
Medizinervereinigung (die die Veröffentlichungen ihrer
Vereinigung sowie andere medizinnahe Publikationen verkauften)
den Namenszug J. F. Lehmann fort...« (Wolfensberger 1993,
S. 312)
In derselben 1967er-Ausgabe des »Almanachs« finden
sich beispielsweise ein Artikel des T4-Gutachters Friedrich Mauz
sowie eine Abhandlung des Sozialpsychiaters Gerhard Irle; dieser
darf sich über das ubiquitäre Schizophrenie-Vorkommen
auslassen (Irle 1967), stützt er sich doch auf den J. F.Lehmann-Kameraden
Kraepelin und dessen abstruse Forschungsergebnisse im kolonialen
Java an den dortigen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Irrenanstalt
Buitenzorg einsitzenden Eingeborenen, an denen er
seine Theorie des weltweit einheitlichen Auftretens der (später
Schizophrenie genannten) Dementia praecox entwickelte
(Kraepelin 1904). Uwe Henrik Peters, Präsident der DGPPN,
seit 2010 als dessen Beiratsmitglied Berater in ethischen grundsatzpolitischen
Fragen und einer der vielen Bewunderer Kraepelins, schreibt über
die die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts,
»... dass dieser Zeitraum bis zur Nazizeit hin das zweite
geniale Zeitalter der deutschen Psychiatrie umschließt
(...). Nur um die Fülle der in dieser Zeit von Deutschland
ausgegangenen Neuerungen in Erinnerung zu bringen, seien einige
schlagwortartig aufgezählt. Es entstanden: die Dementia
praecox und Kraepelins ganzes nosologisches System (1899-1915),
Bleulers Begriff und Systematik der Schizophrenie (1908-1911)
(...). Rüdin ist in ausgesprochener Weise ein Protegé
von Kraepelin gewesen. Kraepelin hatte Rüdin (1900) das
Thema zu seiner Dissertation gegeben, hatte ihn trotz unzureichender
Voraussetzungen (1909) zur Habilitation geführt und hatte
ihn sogleich nach Gründung der Deutschen Forschungsanstalt
für Psychiatrie, deren Leitung er sich selbst vorbehalten
hatte, zum Leiter einer der Abteilungen gemacht (1918). Man
steht daher vor der (befremdenden) Tatsache, dass sich der Kopf
der Nazipsychiatrie im Schoße der Kraepelinschen Institutionen
und unter seinem Schutz heranbildete.« (Peters 1996, S.
336/338 Klammer im Original)
Die Umsetzung der Ideen Kraepelins haben mit diesem Mann und
seinen Theorien offenbar nichts zu tun, meint Peters, die Tatsachen
sind für ihn schlicht befremdend.
An Reaktionen auf den »Chemischen Knebel«, der u.a.
den direkten Zusammenhang von Rassenhygiene / Sozialpsychiatrie
und Faschismus anhand historischer Belege thematisierte, kam speziell
von den Medizinhistorikern im Umfeld der organisierten Sozialpsychiatrie
einzig Schweigen. Kein Wunder,
schwelgt der DGSP-Chefideologe Klaus Dörner nach wie vor
in seinem Buch »Irren ist menschlich« in Dankbarkeit
gegenüber seinem Ausbilder: dem früheren SA-Mann Hans
Bürger alias Bürger-Prinz, für die vielen
praktischen und theoretischen Erfahrungen vom Menschen (Dörner
& Plog 1992, S. 21). Dabei veröffentlichte der Hamburger
Arzt und Medizinhistoriker Karl Heinz Roth schon 1984 die ungeschminkte
Biographie Bürgers, in der Roth »ein wahres Schreckensregiment
gegen alle Kriegsneurotiker« (mittels Elektro-
und Insulinschocks) und »Verschärfung der psychiatrischen
Foltermaßnahmen« fand sowie ein zur Verzweiflung treibendes
»unendliches Leid, das Bürger-Prinz Tausenden von Patienten
zugefügt hat« (Roth 1984). Roth und Götz Aly klagten
Dörner an, er nehme in seinen Publikationen
»... den Hamburger Psychiater Bürger-Prinz von der
Mitverantwortung an den Massentötungen nicht nur aus, sondern
billigt ihm zusätzlich eine oppositionelle Haltung zu.
Neuere Dokumente zeigen, dass Bürger-Prinz von Anfang an
in die Psychiatriemorde eingeweiht war, von ihnen zu profitieren
suchte und in der Nachkriegszeit einen der Hauptakteure, den
in Kiel tätigen Prof. Heyde (alias Sawade), wissentlich
deckte.« (Roth & Aly 1984, S. 117)
Wolfensberger
beschreibt in seinem Buch »Der neue Genozid an den Benachteiligten,
Alten und Behinderten« die Hintergründe des vielfältigen
direkten und indirekten »Totmachens« durch Täter,
die subjektiv nicht glauben, dass sie Menschen töten, und durch
Methoden, perfekter und umfassender als die der Nationalsozialisten.
Vor allem bewusstseinsverändernde psychiatrische Medikamente
schwächen vitale Funktionen; trete schließlich als Endglied
einer unschuldigen Ereigniskette der Tod ein, würde,
wie dies häufig vorkomme, die Todesursache als unerklärlich
definiert. Wolfensberger:
»Man steht fassungslos davor, in welchem Ausmaß
alltäglich getötet werden kann, ohne dass jemand auch
nur auf die Idee kommt, dass dies Töten sei.« (Wolfensberger
1991, S. 63)
In seiner Rezension des »Chemischen Knebels« stieß
sich Gerald Schmidt von der Schweizer Psychiatriestiftung Pro
Mente Sana an der Titulierung Hitlers als »sozialpsychiatrischen
Gesinnungsgenossen«. Auch dass das Bild Hitlers in einer
Reihe mit Kraepelin und Bleuler abgedruckt war, fand Resonanz;
Schmidts Worte: »Für mich ist das ein furchtbares (Miss?)Verständnis.«
(Schmidt 1988)
Furchtbar für mich als Autor dieses Artikels ist hingegen,
dass nach den Verbrechen, die während des Faschismus begangen
wurden, auch und insbesondere von Psychiatern, erst jetzt die
Aufarbeitung der Wurzeln beider Strömungen beginnt, besonders
der rassenhygienisch-sozialpsychiatrischen. Nur wenn die Gefährlichkeit
der biologisch orientierten Sozialpsychiatrie offen vor aller
Augen liegt, nur wenn es gelingt, das damalige Wirken der speziellen
ideologischen Seilschaft Bleuler-Goebbels-Himmler-Hitler-Hoche-Kraepelin-Krupp-J.
F.Lehmann-Ploetz-Rüdin-Thyssen transparent zu machen, nur
dann ist es möglich, der modernen biologisch orientierten
Sozialpsychiatrie angemessen politisch entgegenzutreten. Von ihrer
prinzipiellen Gefährlichkeit hat sie wenig verloren, denken
wir an die elektronischen Registrierungssysteme, an die Langzeitpsychopharmaka,
die in die Körper der behandlungsbedürftigen
Menschen implantiert werden sollen, an die Suche nach den vorbeugend
einzusetzenden genetischen Behandlungsmaßnahmen in der Psychiatrie,
an den weitgehend rechtsfreien Raum der Psychiatrie, an die von
der Mainstreampsychiatrie wie selbstverständlich hingenommenen
im Vergleich mit der Allgemeinbevölkerung durchschnittlich
um 20 Jahre verminderten Lebenserwartung von Menschen mit schweren
psychiatrischen Störungen (Patientinnen und Patienten
mit den Diagnosen Psychose, Schizophrenie,
Depression, bipolare Störung
allesamt Objekte der Behandlung mit potenziell toxischen psychiatrischen
Psychopharmaka).
Und auch die Frage der Ausschaltung lebensunwerten
Lebens ist infolge der weiterentwickelten medizinisch-gentechnologischen
Forschungsmethoden sowie der Schwangerschaftsfrühuntersuchungen
aktueller denn je (Rufer 1993). Im Einklang mit den Anstrengungen
für den Aufbau einer umfassenden, vollversorgenden
Gemeindepsychiatrie aller Schattierungen schreitet derzeit der
vorbeugend-sozialpsychiatrische Einsatz von Neuroleptika voran.
Auf der Konferenz der WHO (Weltgesundheitsorganisation) »Changing
Mental Health Care in the Cities of Europe« im April 1991
in Amsterdam klagten Psychiatrie-betroffene Teilnehmerinnen und
Teilnehmer aus unterschiedlichen Ländern einmütig eine
stetige Verschlechterung der Situation Psychiatrie-Betroffener
an. Diese dienten verstärkt als Ausbeutungsobjekte für
Pharmamultis, für arbeitssuchende Psychiater, Mediziner,
Sozialwissenschaftler, Behindertenwerkstätten etc. Gerade
die sozialpsychiatrische Ausweitung der Psychiatrie in Form der
Kontaktbereichspsychiatrie (Gemeinde-, kommunale Psychiatrie)
lasse die meisten Betroffenen kaum noch einen Ausweg aus der Drehtürpsychiatrie
finden (Wehde 1991, S. 13). Vor dem Hintergrund seines Erfahrungsbereiches,
einer diagnostisch gesicherten Verabreichungspraxis
von Neuroleptika, benennt der Psychiater Gerald L. Klerman von
der US-amerikanischen Harvard-Universität Cambridge, Massachusetts,
das Verdienst, das Kraepelin aufgrund seiner historischen Vorarbeiten
für die neuere Psychiatrie-Entwicklung zuzuschreiben ist:
»Die amerikanische, britische und kanadische Psychiatrie
befindet sich derzeit inmitten einer kraepelianischen Renaissance,
die entscheidenden Einfluss auf die Forschungs- und akademischen
Führer ausübt.« (Klerman 1982, S. 7)
Dies gilt auch für Europa. Noch besser als Klerman konnte
die Richtung der modernen Psychiatrie ein anderer Psychiater einschätzen,
und zwar Eugen Kahn, der bereits erwähnte Kollege Kraepelins
aus den gemeinsamen Kampfzeiten gegen die Münchener Räterepublik.
So gedenkt Kahn im Oktober 1956, damals in der Universitätsanstalt
Houston, Texas, tätig, im American Journal of Psychiatry
Kraepelins 30. Todestag:
»Emil Kraepelin starb vor 30 Jahren. Der Einfluss seiner
Arbeit auf die Psychiatrie hält an; er ist vielleicht größer,
als wir es uns bewusst sind...« (Kahn 1956, S. 289)
Sein Klassifizierungs-Verhalten unnormierten Handelns und Fühlens
und die von ihm propagierte soziale Psychiatrie kreierten
Lehrmeinungen, an denen sich moderne psychiatrisch Tätige
nach wie vor orientieren. Kraepelin und der Schizophrenie-Bleuler,
die beiden weltweit von obrigkeitsorientierten Psychiatern anerkannten
Mitglieder der J. F.Lehmann-Seilschaft, haben für ein System
psychiatrischer Lehre und Praxis gesorgt, das nach wie vor großes
Leid unter Psychiatrie-Betroffenen hervorruft.
Der J. F. Lehmanns Verlag nach 1945
1996 existiert der J. F. Lehmanns Verlag nicht mehr. Laut Auskunft
der J. F. Lehmanns Med. Buchhandlung GmbH ist er in den Besitz
des Springer Verlags (Heidelberg / New York / Tokio) übergegangen,
der weltweit Gedankengut der biologisch orientierten Sozialpsychiatrie
verbreitet. Die Münchener Medizinische Wochenschrift
publiziert nach wie vor, und um Allgemeinmedizinern verstärkt
sozialpsychiatrisch-biologische Inhalte zu lehren, hat sie 1985
eine Taschenbuchreihe gegründet, in welcher die einzelnen
MMW-Sonderteile »Psychiatrie für die Praxis« (zum
Beispiel über die erbliche Bedingtheit psychischer Krankheit,
den therapeutischen Nutzen des Elektroschocks, die
Alternativlosigkeit der Zwangsbehandlung oder der
Dauerbehandlung mit Neuroleptika) zusammengefasst werden (Helmchen
& Hippius 1985, S. 11).
Herausgeber der ersten Bände dieser Reihe sind mit Hanns
Hippius und Hanfried Helmchen zwei einflussreiche Psychiater mit
prominenten Lehrern. Während zu Helmchens Ausbildern (nach
1945) der unter Hitler exponierte Massensterilisator Felix von
Mikulicz-Radecki gehörte, kann Kollege Hippius nach
1945 mit Helmut Selbach ebenso einen Lehrer mit hervorragender
Expertise vorweisen: Selbach war SA-Mitglied ab 1934, drei Jahre
später NSDAP-Mitglied, 1940 wurde er Oberarzt an der Psychiatrischen
Universitätsklinik der Charité in Berlin unter Max de Crinis,
einem Protagonisten des psychiatrischen T4-Massenmords, und ab
1941 Chef der Chemischen Abteilung am berüchtigten, für seine
Verstrickung in NS-Verbrechen bekannten Kaiser-Wilhelm-Institut
für Hirnforschung, wo er unter anderem Versuche mit Elektroschocks
unternahm. Selbach und Hippius waren Leiter der Berliner Psychiatrischen
Universitätsanstalt (Eschenallee), Helmchen war einer ihrer
Nachfolger.
Die Tatsache, dass die biologisch orientierten sozialpsychiatrischen
Lehren nach der Befreiung vom Faschismus ungestört weitervermittelt
werden konnten, ist sicherlich die maßgebende Ursache dafür,
dass wir uns heute, zu Beginn der 1990er-Jahre, in einer gefährlichen
Phase des Wiedererstarkens der Psychiatrie befinden; nach Meinung
Peter Breggins ähnelt die Entwicklung der vor dem Zweiten
Weltkrieg:
»Derzeit erlebt zum Beispiel der Elektroschock weltweit
eine Renaissance. Wir haben Medikamente entwickelt, die weit
giftiger sind als jene, die vor dem Krieg eingesetzt wurden.
Wir wissen heute, dass Neuroleptika bei bis zu 50% der Langzeit-Patienten
und -»Patientinnen« einen bleibenden Hirnschaden verursachen.
Diese Schädigung heißt tardive Dyskinesie (oft
bleibende, nicht behandelbare veitstanzartige Muskelstörung);
wenn Neuroleptika über einen Zeitraum von sechs Monaten
bis zu zwei Jahren verabreicht wurden, stellt sie sich in bis
zu 20% aller Fälle ein. Bei anderen Betroffenen verursachen
die Psychopharmaka eine tardive Dystonie mit schmerzhaften Muskelkrämpfen
oder eine tardive Akathisie (oft bleibende innere Unruhe
in den Extremitäten, die zu Bewegungen drängt, aber
keine Erleichterung schafft) mit Angstgefühlen und
starkem Bewegungszwang. In meinem Buch über psychiatrische
Psychopharmaka habe ich außerdem zum ersten Mal den Begriff
der tardiven Demenz entwickelt. Diese bringt den Verlust aller
geistiger Fähigkeiten in verschiedenem Ausmaß mit
sich. Schließlich können Neuroleptika auch noch eine
dauerhafte tardive Psychose verursachen. Für all die genannten
Schädigungen gibt es keine Heilungsmöglichkeit. Doch
damit nicht genug. Man diskutiert auch wieder solche genetischen
Theorien, die schon einmal zu Sterilisationsgesetzen geführt
haben. Und im Zusammenhang mit der Kostenfrage bei psychisch
kranken Chronikern rückt der Gedanke an Euthanasie
oder Ermordung kranker Menschen mehr und mehr in den Vordergrund.
Ich habe gehört, dass in Deutschland vereinzelt über
eine erneute Einführung von Sterilisationsgesetzen nachgedacht
wird. Und in den Niederlanden versucht man, die Lobotomie wieder
zu etablieren. Die moderne Psychiatrie unterscheidet sich grundsätzlich
nicht von der Vorkriegspsychiatrie, die zum Holocaust führte.«
(Breggin 1993a, S. 396)
Für Erwin Pape, der als einer der ersten den psychiatrischen
Massenmord während des Faschismus beim Namen nannte, war
dies kein Zufall:
»Die Psychiatrie 12 Jahre vorher und 12 Jahre nachher
unterschied sich terminologisch und teleologisch (zweckbestimmt)
nicht von der 12 Jahre dauernden Psychiatrie des Dritten
Reiches (höchstens graduell in der Praktizierung).
Der Nationalsozialismus war nicht spiritus rector und Motor
des Massenmords, sondern nur mehrfach relativ enttäuschende
Gelegenheit dazu, in den die Psychiatrie entsprechende
Wünsche und Hoffnungen hineingetragen hatte.« (Pape
1980, S. 2 Hervorhebung im Original)
Update vom 4. August 2011
Der Name der Kette der J. F. Lehmanns Buchhandlungen sei vor
der Jahrtausendwende geändert worden, meldet 2011 das »Historische
Lexikon Bayerns«:
»Nachdem der politisch vorbelastete Name wiederholt für
Schlagzeilen sorgte, wurden zur Jahreswende 1997/98 die Buchhandlungen
in »Lehmanns Fachbuchhandlung« umbenannt.« (Heilder,
2011)
Der Screenshot einer Google-Suchanfrage vom 4. August 2011 zeigt
allerdings, dass diese Aussage, so läppisch ihr Inhalt ist,
nicht der Realität entspricht und die J.F.Lehmanns-Buchhandlungen
weiterhin in Treue zu ihrem Namensgeber stehen:

Update vom 8. Juli 2015
Eine Suchanfrage bei Google im September 2012 zeigt keine Änderung.
Eine weitere vom Oktober 2014 ergibt, dass das »J.F.«
vor »Lehmanns Fachbuchhandlung« tatsächlich verschwunden
ist. Die Treue zum Name »Lehmann« blieb erhalten. Manche
Lehmann-Buchhandlungen bekennen weiterhin, welchen »Lehmann«
sie meinen, und stehen in Treue zu ihrem J. F. Lehmann, siehe
der Screenshot vom 8. Juli 2015:

Schriften des J. F. Lehmanns Verlag, die den psychiatrischen
Massenmord, die Zwangssterilisierungen und andere psychiatrische
Verbrechen begründeten, stehen nach wie vor Lehrmaterial
für den Psychiaternachwuchs in psychiatrischen Universitätsbibliotheken.
Sie zu entfernen, scheint unmöglich, hatte doch Adolf Hitler
J. F. Lehmann und seinen Verlag in höchsten Tönen gelobt
(siehe oben)
Update vom 7. August 2024
Seit einigen Jahren werden
in sozialpsychiatrischen Zeitschriften immer wieder auch Artikel
der humanistischen Antipsychiatrie veröffentlicht, beispielsweise
Blinde
Flecken in der sozialpsychiatrischen Wahrnehmung (2001), Anti-
und nichtpsychiatrische Selbsthilfe ab den 1980er-Jahren (2022)
oder Kompaktwissen
Elektroschock Indikationen, Wirkungsweise, Risiken, Alternativen
(2023) jeweils in Soziale Psychiatrie, Der
Elefant im Raum. Ethikprobleme in der Psychiatrie (2021) in
Kerbe Forum für soziale Psychiatrie oder Geschichte
und Bedeutung des Antipsychiatrieverlags (2022) in Sozialpsychiatrische
Informationen. Dies nährt die Hoffnung, dass sich im
psychiatrischen Reformbereich am Selbstbestimmungsrecht von Betroffenen
orientierte menschenrechtsbasierte Positionen verstärkt Gehör
verschaffen.
Andererseits werden die psychiatrischen
Stimmen wieder lauter, das Recht Psychiatriebetroffener
und Suizidwilliger auf assistierten Suizid, d.h. Euthanasie einzufordern
(Le Blanc 2023). Und manche Suizide werden auch unterstützt,
insbesondere, wenn die Betroffenen aufgrund chronischer Neuroleptika-Entzugserscheinungen
jegliche Hoffnung auf Besserung verloren haben (Timmermans 2024).
Auch die DGPPN fordert eine gesetzliche Regelung der Suizidassistenz;
geschützt werden sollen zwar Menschen mit psychischer
Erkrankun; von einem Schutz für Menschen, die wegen katastrophaler
Entzugserscheinungen aus dem Leben scheiden möchten, von
präventiven Maßnahmen gegen chronische Entzugserscheinungen
(nicht nur beim Neuroleptika, sondern auch bei Antidepressiva),
von einer Stärkung des Selbsthilfebereichs oder gar einer
Senkung der Verschreibungsraten abhängig machender psychotroper
Substanzen ist allerdings keine Rede (DGPPN 2023).
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Frankfurt am Main: Mabuse Verlag 2008, S. 21-42
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Siemen, Hans L.: »Das Grauen ist vorprogrammiert.
Psychiatrie zwischen Faschismus und Atomkrieg«. Gießen:
Focus Verlag 1982
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Siemen, Hans L.: »Menschen blieben auf der
Strecke ... Psychiatrie zwischen Reform und Nationalsozialismus«.
Gütersloh: van Hoddis Verlag 1987
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Stark, Gary D.: »Der Verleger als Kulturunternehmer:
Der J. F. Lehmanns Verlag und Rassenkunde in der Weimarer
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Stelzner, Helenefriderike: »Psychopathologisches
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Neurologie und Psychiatrie, Band 49 (1919), S. 393-408
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Timmermans, Monique: "Post-acute withdrawal
syndrome (PAWS): How the last step to recovery became the
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due to prolonged withdrawal from antipsychotics prescribed
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mit Anniek Lemmens. Online-Publikation www.madinamerica.com/2024/03/post-acute-withdrawal-syndrome-paws-how-the-last-step-to-recovery-became-the-final-step-in-life/
vom 24. Februar 2024
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Toller, Ernst: »Eine Jugend in Deutschland«.
München: Hanser Verlag 1979
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Wehde,
Uta: »Das Weglaufhaus Zufluchtsort für Psychiatrie-Betroffene.
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Wolfensberger, Wolf: »Der neue Genozid an
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Wulff, Erich: »Zu den Thesen zur Abschaffung
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