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Online-Ressource vom 13. Juli 2012. Letzte Aktualisierung am 7.6.2026 · Manuskript
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Probleme beim Absetzen von Neuroleptika als Folge von Rezeptorenveränderungen
und Toleranzbildung
Wer Neuroleptika absetzen will, sollte sich vorher informieren über
möglicherweise auftretende Entzugsprobleme, um die Wahrscheinlichkeit,
dass diese das Absetzen zum Scheitern bringen lassen, möglichst gering
zu halten. Die nachstehenden Informationen über Toleranzbildung,
Rezeptorenveränderungen und behandlungsbedingte tardive
(tendenziell chronisch werdende) Psychosen ergänzen Erfahrungsberichte
in »Psychopharmaka
absetzen Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva,
Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern« (Lehmann 2019),
wie Neuroleptika abgesetzt wurden, ohne gleich wieder im Behandlungszimmer
des Arztes oder in der Anstalt zu landen.
Toleranzbildung
Die Toleranzbildung, das heißt die Notwendigkeit zu steigenden
Dosen, um eine kontinuierliche Wirkung zu erzielen, ist ein deutlicher
Hinweis auf ein Abhängigkeitspotenzial von Psychopharmaka (Poser
et al. 1985, S. 34). Dass es bei Neuroleptika zu Toleranzbildung kommen
kann, weiß man schon über ein halbes Jahrhundert durch Beobachtungen
beim Einsatz des Neuroleptika-Prototyps Chlorpromazin (Handelsnamen siehe
www.peter-lehmann.de/info/psychodrugs.htm#chlorpromazine).
Stefan Hift und Hans Hoff von der Psychiatrischen Universitätsklinik
Wien äußerten 1958:
»Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die Geschwindigkeit
der Gewöhnung an das Mittel, das dann mehr und mehr seine Wirksamkeit
verliert, wie das beim Chlorpromazin der Fall ist.« (S. 1046)
Toleranzbildung sei nicht zu vermeiden (Meyer 1953, S. 1098), trete vorwiegend
bei niederpotenten Neuroleptika und auch bei relativ niedriger Dosierung
auf (Haase 1977, S. 513), ebenso bei deren nichtpsychiatrischen Verwendung
(Broglie & Jörgensen 1954).
Die in den letzten Jahren ständig steigenden Dosierungen geben einen
weiteren Hinweis auf Gewöhnungseffekte (siehe Lehmann 1996, S. 429f.).
Frank Tornatore von der University of Southern School of Pharmacy, Los
Angeles, und Kollegen warnten:
»Unter der Langzeittherapie mit Neuroleptika wurden Verschlechterungen
psychotischer Verläufe mit Aktualisierung der Wahnsymptomatik und
verstärkten Halluzinationen beobachtet. Die betroffenen Patienten
sprachen typischerweise auf niedrige oder mittlere Dosen von Neuroleptika
zunächst gut an; Rezidive (Rückfälle) machten jeweils
Dosissteigerungen erforderlich, bis die Symptomatik schließlich
nur noch durch Gabe von Höchstdosen beherrschbar war. Es würde
sich also um eine Toleranzentwicklung gegenüber der antipsychotischen
Wirkung handeln.« (1991, S. 53)
Unter Verweis auf einen Artikel der Gruppe um John Kramer (1961) von
der Psychiatrischen Klinik in Glen Oaks in New York City über Antidepressiva
und Tranquilizer erläuterte Raymond Battegay von der Universitätsklinik
Basel offenbar ohne Wissen um die mögliche Toleranzbildung
die Notwendigkeit, den Abhängigkeitsbegriff um einen neuen
Typ zu erweitern, um dem Problem der Abhängigkeit von Neuroleptika
sowie Antidepressiva gerecht zu werden. Bei einem in der Klinik gemachten
Vergleich mit Entzugserscheinungen von Tranquilizern wie zum Beispiel
Meprobamat (Handelsnamen siehe www.peter-lehmann.de/info/psychodrugs.htm#meprobamate)
oder Chlordiazepoxid (Handelsnamen siehe www.peter-lehmann.de/info/psychodrugs.htm#chlordiazepoxide)
besteht nach seiner Meinung
»... der wesentlichste Unterschied darin, dass die neuroleptischen
Substanzen bzw. deren Entzug kein unstillbares Verlangen (craving) auslösen
(...). Ferner sind die beiden Gruppen von Psychopharmaka darin unterschiedlich,
dass bei den Neuroleptica im Gegensatz zu Meprobamat in der Entziehungsphase
keine Muskelzuckungen und keine epileptischen Anfälle auftreten.
(...) Bei den von uns untersuchten, über Monate oder, in der überwiegenden
Mehrzahl, über Jahre mit Neuroleptica behandelten Patienten konnte,
wie das gelegentliche Entstehen von Abstinenzsymptomen zeigte, wohl eine
körperliche, nicht aber eine psychische Abhängigkeit entstehen.
Entziehungssymptome bzw. eine körperliche Abhängigkeit ergaben
sich insbesondere bei kombinierten Neuroleptica/Antiparkinsonmittelbehandlungen.
Kein Patient berichtete jedoch beim Absetzen von Neuroleptica oder Neuroleptica
und Antiparkinsonmitteln über ein unwiderstehliches Verlangen nach
diesen Mitteln. (...) Obschon noch weitere Untersuchungen notwendig sind,
um statistisch signifikantere Patientenzahlen zu erhalten, deuten unsere
Befunde dennoch an, dass der Begriff der Drogenabhängigkeit weiter
zu fassen ist. Es sollten damit nicht nur Gruppen von Pharmaka, bei denen
es nach Entstehen einer Toleranz zu physischer und psychischer Abhängigkeit
kommt, subsumiert werden. Zumindest sollte noch ein Neuroleptica-Typ der
Drogenabhängigkeit, dessen Kriterium in der Hauptsache eben das Entstehen
einer körperlichen Abhängigkeit ohne Toleranz wäre, angefügt
werden. Nach den Erfahrungen von Kramer et al., die ähnliche
Entziehungssymptome bei Absetzen von über zwei Monate lang und hochdosiert
appliziertem Imipramin (Handelsnamen siehe www.peter-lehmann.de/info/psychodrugs.htm#imipramine
P. L.) beobachteten, würden dieselben Kriterien auch für
die antidepressiven Substanzen gelten, so dass von einem Neuroleptica/Antidepressiva-Typ
der Drogenabhängigkeit gesprochen werden könnte. (...) Die Kenntnis
des Neuroleptica-Typs der Drogenabhängigkeit ist vor allem deshalb
wichtig, weil bei plötzlichem Absetzen dieser Medikamente gefährliche
Symptome auftreten können...« (1966, S. 555)
Rezeptorenveränderungen
Die Wirkung von Neuroleptika besteht vorwiegend aus der Blockade der
Nervenimpulsübertragung mit Dopamin. Hält diese Blockade längere
Zeit an, kann sich eine Toleranz bilden: Der Organismus reagiert auf den
künstlichen Eingriff in das Nervenimpulsübertragungssystem durch
die Bildung zusätzlicher oder sensibler reagierender Rezeptoren.
Entzugsprobleme, die Folgen der gestörten Dopaminübertragung
darstellen, können beim Absetzen in Form psychischer Symptome eine
große Rolle spielen. Sie gehen auf Veränderungen des Nervenreizleitungssystems
zurück und können Rebound-, Supersensitivitäts- und Absetzpsychosen
auslösen. Unter Reboundpsychosen ist eine gegenregulatorisch wirkende
Anpassungsreaktion zu verstehen, die zu einem vorübergehend verstärkten
Wiederauftreten der ursprünglichen Symptomatik führt (Laux 1995, S. 318).
Dass bei manchen Patienten aufgrund der mit der Zeit eingetretenen Abhängigkeit
Neuroleptika nicht mehr abgesetzt werden können, offenbarten Rudolf Degkwitz
und Otto Luxenburger 1965 und zeigten somit die Notwendigkeit, sich möglichst
früh mit dem Gedanken ans Absetzen zu befassen:
»Werden die Neuroleptica plötzlich abgesetzt, so entsteht
ein relativer Überschuss an Monoaminen im Hirngewebe, der die geschilderten
Entziehungserscheinungen bewirkt. Nach einiger Zeit können sich
die Gewebe offenbar wieder regenerieren und ein physiologisches Gleichgewicht
wiederhergestellt werden. Aus dem Umstand, dass die Hyperkinesen zum
Teil irreversibel zu sein scheinen, folgt aber, dass bei einem Teil
der Patienten ein irreparabler Schaden eintritt. (...) Aus dem Gesagten
geht hervor, dass die terminalen extrapyramidalen Hyperkinesen (tardiven
Dyskinesien) nur durch neuerliche Gaben von Neurolepticis beeinflusst
werden können. Dies entspricht der bisherigen Erfahrung. Antiparkinsonmittel
und alle anderen Beruhigungsmittel werden praktisch vollständig
wirkungslos. Nur wenn man erneut das gleiche oder ein anderes Neurolepticum
verabreicht, ist eine Rückbildung der Entziehungserscheinungen
und der Hyperkinesen zu erzielen. (...)
Man weiß jetzt ferner, dass es bei einem Teil der chronisch Behandelten
wegen der unerträglichen Entziehungserscheinungen schwierig, wenn nicht
unmöglich wird, die Neuroleptica wieder abzusetzen. Wie groß dieser
Teil der chronisch behandelten Fälle ist, ist ebenfalls nicht bekannt.«
(S. 174f.)
Schon lange ist bekannt, dass ein abruptes Absetzen zu drei- bis sechsfach
erhöhten Rückfallraten führt (Gilbert et al. 1995; Baldessarini & Viguera 1995; Viguera et al. 1997; Seeman & Tallerico 1999; Moncrieff 2006);
Ausschleichen von Neuroleptika wird als wesentlich sicherer eingestuft
(Green et al. 1992).
Im Tierversuch wurde nachgewiesen, dass eine anhaltende Verabreichung
von Neuroleptika zur Supersensitivierung der Dopaminrezeptoren, zum Dopaminturnover
(-überschlag, -überaktivität) und zu tardiven Dyskinesien
(im Lauf der Behandlung, beim Absetzen oder danach auftretenden chronischen,
nicht-behandelbaren und mit einer Verkürzung der Lebenserwartung
einhergehenden Muskelstörungen) führen kann (Jenner & Marsden 1983; Rupniak et al. 1983; White & Wang 1983; Gunne & Häggström 1985; Spivak et al. 1990). Kenneth Davis und Gordon Rosenberg vom Veterans
Administration Hospital in Palo Alto, Kalifornien, testeten Fluphenazin
(Handelsnamen siehe
www.peter-lehmann.de/info/psychodrugs.htm#fluphenazine)
und fassten in Biological Psychiatry ihre Untersuchungsergebnisse
der Folgen längerer Gabe dieser Substanz zusammen:
»Langzeitverabreichung antipsychotischer Medikamente an
Tiere induziert Supersensitivität mesolimbischer (Nervenbahnen
vom Mittelhirn zur Hirnrinde betreffender) postsynaptischer Dopaminrezeptoren.
Es ist möglich, dass ein ähnlicher Prozess beim Menschen auftritt.
Als Folge einer verringerten Dosis antipsychotischer Medikamente oder
von deren völligem Absetzen könnte sich die Supersensitivität
mesolimbischer Dopaminrezeptoren im schnellen Rückfall schizophrener
Patienten widerspiegeln, in der Entwicklung schizophrener Symptome bei
Patienten ohne schizophrene Vorgeschichte oder in der Notwendigkeit zu
stetig steigenden Dosierungen des in seiner Wirkung lange anhaltenden
Fluphenazin-Depots, um eine Remission (Rückgang der Symptome)
aufrechtzuerhalten.« (1979, S. 699)
Als Reaktion auf die neuroleptische Blockade der Dopaminrezeptoren im
Rahmen der psychiatrischen Behandlung bilden sich bereits innerhalb weniger
Wochen oder Monate zusätzliche Rezeptoren, was man Upregulation nennt
(Baldessarini & Tarsy 1980; Schröder et al. 1998; Abi-Dargham
et al. 1999; 2000; Silvestri et al. 2000; 2004). Mit der Zeit tritt eine
Toleranzentwicklung gegenüber der sogenannten antipsychotischen Wirkung
auf. Die Dosis muss erhöht werden, um die ursprüngliche Wirkung
aufrechtzuerhalten (Malcolm 1992, S. 408).
Auf diese Upregulation sind beim Absetzen Reboundeffekte zurückzuführen,
das heißt vorübergehend rückstoßartig auftretende
Störwirkungen (Gardos et al. 1978; Tranter & Healy 1998; Margolese
et al. 2002; Moncrieff 2006a; 2006b). Werden Neuroleptika fortlaufend
eingenommen, kann sich eine Dopaminsensibilität bilden, das heißt
eine erhöhte Empfänglichkeit für psychotische Reaktionen,
daraus folgend eine Supersensitivitätspsychose, auch Durchbruchspsychose
genannt (Weinberger et al. 1981; Samaha et al. 2007), und schließlich
eine tardive Psychose (Schooler et al. 1967; Chouinard et al. 1978; Chouinard
& Jones 1980). Dies ist eine im Verlauf der Neuroleptikaverabreichung
entstehende, beim Absetzen oder danach zum Vorschein kommende behandlungsbedingte
Psychose organischer Natur. Sie kann mit einer Vielzahl von Begleitsymptomen
einhergehen und erfordert aus psychiatrischer Sicht steigende Dosierungen.
Mittlerweile warnt auch Gerhard Gründer von der Psychiatrischen
Universitätsklinik Heidelberg, Ex-Vorsitzender der Task Force Psychopharmakologie
der DGPPN, vor diesem Teufelskreis:
»An der Entwicklung supersensitiver dopaminerger Systeme
wird das Dilemma der antipsychotischen Pharmakotherapie deutlich: Jede
Behandlung mit D2-Rezeptorantagonisten (gegen
die Wirkung von Dopamin2 gerichtete Substanzen
P. L.) birgt potenziell das Risiko, dass sich eine Supersensitivität
der Zielrezeptoren entwickelt. Hat sich diese aber erst einmal eingestellt,
so folgt daraus oft ein Teufelskreis von Toleranzentwicklung, Dosissteigerung
und weiterer Progression des pathophysiologischen Prozesses (der krankhaft
veränderten Körperfunktionen).« (2022, S. 70)
Diese Gefahr ist bei den chemisch eng verwandten Antidepressiva ebenso
gegeben, wie der Psychiater Giovanni Fava von der State University of
New York in Buffalo mitteilt:
»Eine fortgesetzte Behandlung mit antidepressiven Medikamenten kann
Prozesse stimulieren, die den anfänglichen akuten Wirkungen eines
Medikaments entgegenlaufen. Das gegenläufige Modell der Toleranz
kann den Verlust der Behandlungswirksamkeit während der Erhaltungstherapie
und die Tatsache erklären, dass einige Nebenwirkungen erst nach einer
gewissen Zeit auftreten. Diese Prozesse können auch dazu führen,
dass die Krankheit einen Verlauf nimmt, der nicht auf die Behandlung anspricht,
bis hin zu Manifestationen einer bipolaren Störung oder paradoxer
Reaktionen. Nach Beendigung der medikamentösen Behandlung stoßen
die gegenläufigen Prozesse nicht mehr auf Widerstand, was zum möglichen
Auftreten neuer Entzugssymptome, zu anhaltenden Störungen nach dem
Entzug, zu Hypomanie, zu Behandlungsresistenz bei Wiederaufnahme der Behandlung
und zu Refraktärität (Unempfindlichkeit gegenüber therapeutischen
Maßnahmen) führt.« (2023, S. 44)
Rezeptorenveränderungen bei atypischen Neuroleptika
Mit dem Entstehungsverlauf neuroleptikabedingter Psychosen speziell unter
Clozapin (Handelsnamen siehe www.peter-lehmann.de/info/psychodrugs.htm#clozapine),
dem Prototyp atypischer Neuroleptika, befassten sich die Pharmakologen
Guy Chouinard und Barry D. Jones von der Universitätsklinik Montreal
intensiv: Im ersten Stadium komme es entsprechend der Entzugsdyskinesie
bei herkömmlichen Neuroleptika zu einer kurz andauernden Supersensitivitätspsychose,
die sich spontan zurückbilde. Im zweiten Stadium, wenn sie erneut
auftrete, könne man die psychopharmakabedingte Psychose noch mit
Neuroleptika kontrollieren. Im dritten Stadium schließlich würden
Neuroleptika überhaupt nichts mehr bewirken, die entstandene Psychose
sei irreversibel (Chouinard & Jones 1980; 1982).
Immer wieder publizierten die beiden ihre Warnungen, auch wenn diese
vom Gros der Psychiater in den Wind geschlagen werden. Illustriert an
Fallbeispielen, schrieben Chouinard und Jones 1980 im American Journal
of Psychiatry, dass die überempfindliche Reaktion der Rezeptoren
auf Dopamin
»... nach chronischem neuroleptischen Ausgesetztsein auftritt
und in der Entwicklung einer Supersensitivitätspsychose resultiert.
(...) Eine neuroleptisch bedingte mesolimbische Supersensitivität
beinhaltet, dass bei solchen Patienten die Tendenz in Richtung psychotischer
Rückfall durch mehr als nur den normalen Krankheitsverlauf bestimmt
ist.« (S. 16)
Richard Borison und Kollegen der Psychiatrischen Abteilung des Medical
College of Georgia in Augusta publizierten 1988 eine Studie über
Reboundpsychosen, die nach dem Absetzen von Chlorpromazin oder Clozapin
auftreten können. Auch sie hatten den Verdacht, dass sich im Lauf
der Neuroleptikaverabreichung bei Dopaminrezeptoren speziell im limbischen
System, der Steuerzentrale von Gefühlen im Gehirn, eine erhöhte
Sensibilität entwickelt, die beim plötzlichen Absetzen eine
Reboundpsychose bewirkt. Tatsächlich fanden sie bei einer Gruppe
der Untersuchten nach dem Absetzen des Clozapin und während der Zeit,
in welcher der Organismus die Abbauprodukte der Neuroleptika ausscheidet,
eine merkliche Verschlechterung des psychischen Zustands gegenüber
der Zeit vorher:
»Unsere Untersuchungen zeigen, dass nach der Clozapintherapie
bei chronisch, aber ansonsten stabilen residualen (Rest-)Schizophrenen,
die nicht besonders krank waren (laut Definition der BPRS-[Brief Psychiatric
Rating Scale; kleine Psychiatrische Schätzskala-]Werte), eine
Untergruppe gegenüber den Grunddaten vor der Behandlung eine signifikante
Verschlechterung der Psychose aufwies. (...)
Zudem zeigten 38 % der chlorpromazin- und 36 % der clozapinbehandelten
Patienten während des Auswaschzeitraums entweder keine Veränderung
der BPRS-Werte oder eine Verbesserung, verglichen mit dem Zeitraum der
antipsychotischen Behandlung. Diese Daten sollten annehmen lassen, dass
man viele, aber nicht alle chronisch Schizophrenen, die kaum auf die neuroleptische
Behandlung ansprechen, leicht ohne neuroleptische Behandlung halten kann.
Dies ist besonders wichtig bei der Abwägung der Risiken und Vorteile
der Behandlung, denn 87 % unserer behandlungsrefraktären (durch
die Behandlung nicht beeinflussbaren) Gruppe wiesen auch Symptome
einer tardiven Dyskinesie auf. Dies unterstützt das Konzept der medikamentenfreien
Zeiträume oder der Dosisverminderung der antipsychotischen Medikamente
bei Patienten, bei denen die therapeutischen Wirkungen der antipsychotischen
Medikamente zweifelhaft sind. (...)
Demgegenüber fanden wir eine Untergruppe von Schizophrenen,
die eine signifikante Verschlechterung der Psychose nach der Clozapinbehandlung
zeigten. Dies war bei den chlorpromazinbehandelten Patienten jedoch nicht
zu beobachten. Außerdem war diese Verschlechterung in der ersten
Auswaschwoche signifikant. Der Zeitrahmen der Verschlechterung der Psychose
stimmt mit dem Konzept einer Supersensitivitätspsychose überein.
Außerdem, so scheint es, könnte dies ein Phänomen sein,
das spezifisch bei clozapinbehandelten Patienten auftritt.« (S. 262)
Angesichts der Gefahr, dass sich mit der Zeit neuroleptikabedingte organische
Psychosen herausbilden, sind psychiatrische Publikationen wenig überraschend,
wonach Absetzversuche um so günstiger verlaufen, je eher man Neuroleptika
absetzt, je geringer die zuvor eingenommene Dosis ist (Nishikawa et al. 2007), je mehr Sicherheit ein Vertrauensverhältnis zwischen Behandlern
und Betroffenen bietet. So kommen selbst psychiatrisch initiierte Absetzversuche,
wie diverse Berichte in psychiatrischen Zeitschriften nahelegen, bei vollständigem
Absetzen auf Erfolgsraten von 25 % bis 60 % der Fälle (Baldessarini
& Viguera 1995; Viguera et al. 1997; Gottdiener & Haslam 2007).
Öfter seien vier Versuche und mehr erforderlich, um ans Ziel zu gelangen
(Nishikawa et al. 2007).
Urban Ungerstedt und Tomas Ljungberg, Mitarbeiter der Histologischen
Abteilung des Karolinska Instituts in Stockholm, wiesen 1977 auf das besondere
Risiko hin, das von atypischen Neuroleptika ausgeht. Sie stellten
fest, dass deren Prototyp Clozapin bei Versuchsratten besonders stark
auf die limbischen Dopaminrezeptoren wirkt:
»Klinische Erfahrung lässt erkennen, dass Clozapin
spezifischer als Haloperidol bei der Behandlung der Psychose
sein kann. Unsere Verhaltensdaten zeigen, dass diese Besonderheit
des Clozapin auf seine vergleichsweise stärkere Hemmung von limbischen
Dopaminrezeptoren zurückzuführen ist. Diese Rezeptoren können
somit am ehesten etwas mit der Entwicklung der Supersensitivität
nach chronischer Clozapinbehandlung zu tun haben. Das Gegenstück
zu tardiven Dyskinesien nach chronischem Haloperidol kann somit die Potenzierung
von psychotischem Verhalten nach chronischem Clozapin sein! Diese Ergebnisse
werfen augenfällig ernste Fragen auf hinsichtlich der Strategie für
den Versuch, neue, wirksame antipsychotische Medikamente zu finden. Wird
ein Medikament, das spezifische Rezeptoren blockiert, eine
spezifische Rezeptorensupersensibilität und somit spezifische
Nebenwirkungen verursachen, das heißt die Krankheit selbst potenzieren?«
(S. 199)
Ebenfalls aus Schweden, von Bengt Ekblom vom Ulleråker Hospital in Uppsala
und Kollegen, stammt ein Bericht von 1984 über Supersensitivitätspsychosen,
die nach dem Absetzen von Clozapin auftraten. Nach psychiatrischen Vorstellungen
ist ein Rückfall bereits schon in den ersten zwei Wochen
nach dem Absetzen ein recht seltenes Ereignis. Deshalb waren sich Ekblom
und Kollegen sicher, dass sie auf die spezielle clozapinbedingte Supersensitivität
gestoßen waren:
»Wir gehen davon aus, dass die schnelle Verschlechterung,
die wir bei unseren Fällen beobachteten, auf eine clozapinverursachte
Supersensitivität der mesolimbischen Dopaminrezeptoren zurückzuführen
ist parallel zu der striären Dopaminsupersensitivität
(übermäßige Reaktion auf den Neurotransmitter Dopamin
in bestimmten Nervenknoten im Großhirn, die unter anderem das Zusammenwirken
von Motivation, Emotion, Kognition und Bewegungsverhalten regulieren),
von welcher man annimmt, dass sie zumindest teilweise an der Entwicklung
der tardiven Dyskinesie beteiligt ist. (...) Natürlich kann man spekulieren,
ob die Verschlechterung ein Rückfall der zugrundeliegenden Krankheit
selbst oder ob der Ursprung der Symptome ein neues Syndrom war. Das rapide
Erscheinen der Symptome nach dem Absetzen und die Tatsache, dass es offensichtlich
neue Symptome waren, erhärten die Annahme einer clozapinverursachten
Supersensitivitätspsychose.« (S. 293f.)
Psychische, geistig-zentralnervöse, vegetative und motorische
Entzugserscheinungen
Psychische Entzugserscheinungen treten innerhalb von 48 Stunden
bis längstens einer Woche nach dem Absetzen auf und können dem
Bild der ursprünglichen psychischen Probleme, die zur Psychiatrisierung
führten, recht nahe kommen. In der psychiatrischen Literatur finden
sich einige Studien, in denen psychische Entzugserscheinungen erwähnt
werden, so zum Beispiel Spannung, Furcht, Ruhelosigkeit, niedergeschlagene
Stimmung, Aggressionen, Destruktivität, Heulanfälle, Davonlaufen,
Gereiztheit und Erregtheit (siehe Lehmann 1996b, S. 410-415). Der deutsche
Psychiater Fritz Reimer (1965) ließ sich über haloperidolbedingte
Entzugsdelire aus und konstatierte, vom Erscheinungsbild her dränge
sich ein Vergleich mit dem Entziehungsdelir des Alkoholikers auf. Sein
amerikanischer Kollege George Brooks von der Psychiatrischen Klinik Waterbury,
Vermont, berichtet von Entzugsreaktionen, die »klinisch ununterscheidbar
waren von einer mäßigen Entzugsreaktion nach Langzeiteinnahme
von Morphium« (1970, S. 931).
Auf die sekundären, mentalen Folgen der Neuroleptikaverabreichung
ging der schwedische Mediziner Lars Martensson ein. Neuroleptika greifen
das limbische System an, so dass die Betroffenen ihre Probleme nicht mehr
verarbeiten können und zu glauben beginnen, ohne Neuroleptika nicht
mehr vernünftig weiterleben zu können:
»Die neuroleptischen Medikamente führen spezifische
Veränderungen im limbischen System herbei, die einen Menschen anfälliger
für Psychosen machen. Dies ist, wie wenn dieser einen Psychose-verursachenden
Wirkstoff ins Gehirn eingebaut hätte. Diese Wirkung der neuroleptischen
Medikamente mag mit der Zeit mehr oder weniger nachlassen, wenn das Medikament
abgesetzt wird. Aber dann kann es zu spät sein. Wegen der psychotischen
Symptome, die Nachwirkungen der Medikamente sind, wurde die Schlussfolgerung
bereits gezogen: Er braucht das Medikament. Die Falle ist
zugeschnappt.« (1988, S. 5)
Entzugserscheinungen können bei den Betroffenen massive Ängste
auslösen. Darauf machte Degkwitz unter Verweis auf Absetzerfahrungen
eines Kollegen aufmerksam:
»Nach 1-14 Tagen kommt es, wie unsere Beobachtungen zusammen
mit Herzog im Psychiatrischen Krankenhaus Eichberg ergaben, bei etwa 1/3
der Patienten zu Schweißausbrüchen, Tachykardien, Herzklopfen,
innerer Unruhe, Schlafstörungen, Erbrechen, Übelkeit, Durchfällen.
Die Entziehungserscheinungen sind so unangenehm, dass Herzog im PKH Eichberg
bei der Mehrzahl der Patienten nach 1-5 Tagen erneut Medikamente verordnen
musste. Nur in einem Fall gelang es ihm, 14 Tage lang ohne die erneute
Verordnung von Medikamenten auszukommen. Die Schwestern baten dringend,
den Absetzversuch abzubrechen, da die Patienten außerordentlich
gequält seien, und einige Patienten, die früher immer die Medikamente
abgelehnt hatten, baten darum, erneut welche zu erhalten, da sie den Zustand
nicht ertragen könnten. Diese Entziehungserscheinungen sind sicher
in sehr vielen Fällen für einen Rückfall in die Psychose
gehalten worden, vor allem da sie mit erheblicher Angst einhergehen.«
(1967, S. 161f.)
Brooks meinte, die Stärke der Entzugssymptome könne seine Kollegen
fälschlicherweise denken lassen, sie hätten Rückfälle
vor sich (1959, S. 932).
In der psychiatrischen Literatur finden sich viele Berichte über
geistig-zentralnervöse Entzugserscheinungen, beispielsweise
Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Alpträume, Taubheitsgefühle
und Geschmacksstörungen (siehe Lehmann 1996b, S. 415f.). Wie man
Entzugserscheinungen wie Schlaf- und Ruhelosigkeit von den oft
auf den ersten Blick schwer differenzierbaren ursprünglichen
psychiatrischen Symptomen unterscheidet, erklärten Roy Lacoursiere
vom Veterans Administration Hospital in Topeka, Kansas, und Kollegen.
Optimistisch gingen sie davon aus, dass die Entzugserscheinungen bereits
nach kurzer Zeit nachlassen; diese
»... (1) tendieren dazu, nach dem Medikamentenentzug früher
als schizophrene Verschlechterung aufzutreten, (2) können mit anderen
medizinischen Entzugssymptomen einhergehen und (3) klingen innerhalb weniger
Tage von alleine oder mit unterstützender Behandlung ab.« (1976,
S. 292)
Die vegetativen Entzugserscheinungen betreffen auch Organsysteme und
-funktionen, die der vegetativen Steuerung unterliegen. In der Literatur
finden sich viele Berichte über alle Arten solcher Entzugserscheinungen,
unter anderem Hitzegefühl oder Frieren, malignes neuroleptisches
Syndrom (Syndrom aus Fieber, Muskelsteifheit und Bewusstseinstrübungen),
Herzjagen, Schwindelgefühl, Kollapsneigung, Schweißausbrüche,
heftige Sekretabsonderung aus der Nase, verstärkte Talgdrüsenabsonderung,
übermäßige Schleim- und Speichelabsonderung, Appetitlosigkeit,
Heißhunger, Durchfall, übermäßige Absonderung der
Magenschleimhaut und demzufolge Magenschleimhautentzündung, Bauchschmerzen,
Koliken, Übelkeit und Erbrechen (siehe Lehmann 1996b, S. 416-418).
Die Symptome können in Einzelfällen über Monate hinweg
anhalten (Yepes & Winsberg 1977).
Motorische Entzugserscheinungen. Das Absetzen von Neuroleptika
kann vielerlei Muskel- und Bewegungsstörungen auslösen, sogenannte
Entzugsdyskinesien. Teilweise treten die neuroleptikabedingten parkinsonoiden
Störungen verstärkt zutage. Als Entzugserscheinungen bekannt
sind Gliederschmerzen, innere Unruhe, Bewegungsunfähigkeit, verstärktes
oder erstmalig auftretendes Muskelzittern, Hyperkinesien und Dystonien
wie zum Beispiel Zungen-Schlund-Syndrome. Psychische Probleme, die als
Reaktion auf die Muskelstörungen entstehen, werden oft als Rückfall
angesehen. Thomas Gualtieri und Kollegen der Universitätsklinik Chapel
Hill, North Carolina, rieten, sich von Entzugsdyskinesien nicht verunsichern
zu lassen:
»Das Problem einer neuroleptikabedingten Dopaminsupersensititivät
mit einer Entsprechung im limbischen System oder einer Analogie auf der
Verhaltensebene ist beunruhigend und ungeklärt. Die Tatsache, dass
negative Verhaltensweisen unmittelbar nach dem Absetzen der Medikamente
auftauchen und oft von Entzugssymptomen oder Dyskinesien begleitet werden,
dass sie sich qualitativ vom Problemverhalten unterscheiden, das der Neuroleptikabehandlung
vorausging, und dass sie in allen Fällen innerhalb von 16 Wochen
nachließen, unterstützt diesen Gedanken stark. Praktiker, die
entscheiden wollen, ob die Fortsetzung der Neuroleptikabehandlung wirklich
notwendig ist, sollten sich durch dieses Ergebnis überzeugen lassen,
den Versuch zu unternehmen, neuroleptikafreie Zeiträume auch angesichts
verstärkter Verhaltensprobleme in die Länge zu ziehen.«
(1984, S. 22)
Über die Entzugserscheinungen
In medizinischer und psychiatrischer Literatur finden sich die unterschiedlichsten
Häufigkeitsangaben, was Entzugsprobleme beim Absetzen von Neuroleptika
betrifft. Mit vegetativen und insbesondere Magen-Darm-Problemen reagieren
bis zu 84 % der Betroffenen auf das Absetzen, 22 % mit einer Entzugsdyskinesie,
60 % mit Muskelschmerzen (siehe Lehmann 1996b, S. 421-455). Zu Supersensitivitätspsychosen
kommt es laut Tornatore und Kollegen »möglicherweise häufiger
als bislang bekannt...« (1991, S. 53) 1982 berichteten Chouinard
und Jones, sie hätten bei 30 % von 300 untersuchten Insassen ihrer
Klinik auch ohne abrupte Absetzversuche Anzeichen von Supersensitivitätspsychosen
gefunden. Neben der Tatsache, dass psychiatrische Fachzeitschriften durch
Werbeanzeigen der Pharmaindustrie finanziert werden und die Redaktionen
nicht frei entscheiden können, welche Artikel sie publizieren dürfen,
ohne die finanziellen Zuwendungen zu verlieren, sind publizierte Häufigkeitsangaben
auch davon abhängig, wie sorgfältig Psychiater beobachten, wie
klar sie Entzugserscheinungen von der psychischen Krankheit
trennen und wie genau sie den psychischen Zustand der Betroffenen vor
der Behandlung kennen (Lacoursiere et al. 1976). Insofern ist es wenig
verwunderlich, dass manche Psychiater Häufigkeitsraten von 0 % publizieren.
| Wirkstoff |
Neuroleptische Potenz
|
| Amisulprid |
0,2
|
| Aripiprazol |
15
|
| Asenapin |
17
|
| Benperidol |
75
|
| Bromperidol |
50
|
| Chlorpromazin |
1
|
| Chlorprothixen |
0,8
|
| Clotiapin |
2
|
| Clozapin |
1
|
| Droperidol |
40
|
| Flupentixol |
50
|
| Fluphenazin |
40
|
| Fluspirilen |
50
|
| Haloperidol |
50
|
| Levomepromazin |
0,5
|
| Melperon |
1
|
| Olanzapin |
50
|
| Paliperidon |
2
|
| Perazin |
1
|
| Perphenazin |
15
|
| Pimozid |
50
|
| Pipamperon |
0,8
|
| Promazin |
0,5
|
| Promethazin |
0,5
|
| Prothipendyl |
0,7
|
| Quetiapin |
1
|
| Reserpin |
50
|
| Risperidon |
50
|
| Sulpirid |
0,2
|
| Thioridazin |
1
|
| Zuclopenthixol |
5
|
|
|
Prinzipiell ist bei allen Neuroleptika mit Entzugsproblemen zu rechnen.
Niederpotente Neuroleptika weisen tendenziell stärkere vegetative
Wirkungen auf, deshalb ist bei diesen Psychopharmaka am ehesten mit Entzugserscheinungen
zu rechnen.
Als neuroleptische Potenz bezeichnet man die Wirksamkeit von Neuroleptika
auf das extrapyramidale System. Dieses ist ein wichtiges Zentrum des zentralen
Nervensystems und wird von Nervensträngen gebildet, die vom Großhirn über
verschiedene Mittelhirnkerne zum Rückenmark verlaufen. Sein Name stammt
von der anatomisch unterschiedlichen Lage der Nervenstränge zur Pyramidenbahn
des Stammhirns, zu der allerdings Nervenverbindungen bestehen. Das extrapyramidale
System dient der Steuerung der unwillkürlichen Körperhaltung, der unwillkürlichen
Mitbewegungen der Gliedmaßen bei Körperbewegungen und vor allem der Muskelspannung.
Psychiater definieren die Potenz als diejenige »... Dosis, mit der
die neuroleptische Schwelle (Auftreten extrapyramidaler Symptome)
überschritten wird.« (Spoerri 1975, S. 204) Fritz Freyhan erklärte:
»Der Begriff Neuroleptikum ist gleichbedeutend mit der
neuroleptischen Potenz einerseits und dem Auftreten extrapyramidaler Erscheinungen
andererseits.« (Freyhan 1983, S. 70) Der genaue Zusammenhang
zwischen neuroleptischer Potenz und neuroleptischer Schwelle lässt sich
vielerorts nachlesen:
»Als Bezugsgröße (= 1) für die neuroleptische Potenz gilt
die Wirkung von 150-400 mg Chlorpromazin (Effekt je nach individueller
Disposition), die zum Überschreiten der neuroleptischen Schwelle benötigt
wird (demnach Potenz von Promazin 0,3-0,5, Periciazin 5, Haloperidol:
50), die also zu extrapyramidaler Hypokinese führt (zunächst Störungen
der Feinmotorik, z. B. der Handschrift, bei Dosiserhöhung Parkinson-Syndrom).«
(Thiele 1991, S. 1722)
»Je stärker die neuroleptische Potenz, desto niedriger
ist die Dosis, mit der mit einem Neuroleptikum die neuroleptische Schwelle
überschritten werden kann. Neuroleptische Schwellendosis: Dosis, bei der
eine meist zunächst in der Feinmotorik (Handschrift) erkennbare extrapyramidale
Bewegungshemmung ausgelöst wird. Damit wird die Mindestdosis zum Erreichen
der neuroleptischen Wirkung ermittelt.« (Haase 1977, S. XVI)
Als niederpotent gelten Neuroleptika mit einer Potenz kleiner als 1,
als mittelpotent Neuroleptika mit einer Potenz zwischen 1 und 10, und
als hochpotent Neuroleptika mit einer Potenz höher als 10 (Möller et al. 2001). Da potenziell alle Neuroleptika Rezeptorenveränderungen bewirken,
ist beim Absetzen grundsätzlich mit dem Auftreten entsprechender
Symptome zu rechnen.
Statt von »neuroleptischer Potenz« sprechen Psychiater heutzutage
auch von der »Affinität zu D2-Rezeptoren«,
womit sie die Wirkung meinen, mit der Neuroleptika die Dopamin2-Rezeptoren
blockieren. Eine andere Bezeichnung ändert allerdings nichts an der
Wirkung der Neuroleptika.
Wenn Entzugserscheinungen auch bei allen Arten von Neuroleptika vorkommen
können, zeigten sich in der Studie von Lacoursiere und Kollegen dennoch
die stärksten Entzugsprobleme beim Absetzen von Neuroleptika mit
sogenannter aliphatischer Seitenkette in der Molekülstruktur. Hierzu
zählen Alimemazin, Chlorpromazin, Levomepromazin, Promazin, Promethazin
und Triflupromazin (ebd.). Die übrigen niederpotenten und die atypischen
Neuroleptika wie Clozapin, Olanzapin oder Risperidon sind dieser Risikogruppe
hinzuzufügen. Die Firma Janssen Pharmaceutica erwähnte in ihrer
Information über mögliche Störwirkungen bei Risperdal gar
ein »Entzugssyndrom« (1996), ohne es allerdings näher zu
beschreiben.
In ihrer Absetzstudie stieß die Gruppe um Lacoursiere auf eine
Dosisunabhängigkeit der Entzugserscheinungen (1976). Zum selben Ergebnis
war Brooks 1959 in seiner Studie gekommen: »Es gab offenbar keine
Korrelation zwischen Intensität der Reaktion und der Dosishöhe...«
(S. 932)
Werden Neuroleptika zusammen mit Antiparkinsonmitteln abgesetzt, treten
verstärkt Entzugserscheinungen auf, beispielsweise Ruhelosigkeit,
Schlaflosigkeit, Depressionen, psychische Labilität, Angst- und Erregungszustände,
schwere Agitation, Halluzinationen, Delirium tremens, herabgesetzte Beweglichkeit
der Gelenke, Muskelzittern, Blicktrübung, Kollaps und maligne Hyperthermie
(lebensbedrohlicher Temperaturanstieg mit Bewusstseinstrübung, Verstummen
und verschiedenen Muskelstörungen). Die Symptome können in
teilweise tödlich endenden Erkrankungsformen gipfeln, die
denen des malignen neuroleptischen Syndroms entsprechen (Lehmann 1999b,
S. 425-432).
Gründe zum Absetzen von Neuroleptika
Trotz all der unübersehbaren Entzugsprobleme weigern sich die meisten
Ärzte und Psychiater hartnäckig, das Abhängigkeitspotenzial
ihrer Neuroleptika einzugestehen. Teils wird es einfach bestritten. Gerne
vermischt man Abhängigkeit mit Sucht und pocht dann auf die von den
Betroffenen als unangenehm empfundene Wirkung, die durchaus nachvollziehbar
nicht zur Euphorie führe (siehe Lehmann 1996b, S. 428).
Die medizinische Einschätzung der fortgesetzten Verabreichung von
Neuroleptika ist uneinheitlich. Wegen der Gefahr bleibender Schäden
durch fortgesetzte Neuroleptikaverabreichung schlug George Simpson von
der Psychiatrischen Klinik in Orangeburg, New York, 1977 vor, im Interesse
der Gesundheit der Behandelten grundsätzlich Absetzversuche zu unternehmen:
»Die beste Behandlung ist momentan das schrittweise Absetzen
der Neuroleptika und ihr Ersatz durch Tranquilizer, um die Angst zu lindern.
Das Potenzial der Neuroleptika, tardive Dyskinesien zu verursachen, ist
eine ernstzunehmende Komplikation bei einer beträchtlichen Zahl von
Patienten und sollte bei allen Patienten einen Absetzversuch nahelegen.«
(S. 6)
Ein Team um Patricia Gilbert von der psychiatrischen Abteilung der University
of California in San Diego publizierte 1995 eine Metaanalyse, in welcher
sie 66 Studien untersucht hatte, die man zwischen 1958 und 1993 an nahezu
5600 Betroffenen durchführte. Hier wurden die Probleme fortgesetzter
Neuroleptikaverabreichung für die Behandler auf den Punkt gebracht:
»Das Thema Fortgesetzte neuroleptische Behandlung
eines Patienten mit chronischer Schizophrenie bringt den Behandler
in eine Zwickmühle. Da die Neuroleptikabehandlung Schizophrenie nicht
heilt, braucht die große Mehrzahl dieser Patienten eine Dauerbehandlung.
Gleichzeitig beinhaltet der fortgesetzte Gebrauch dieser Medikamente ein
hohes Risiko unerwünschter Wirkungen einschließlich tardiver
Dyskinesie. Deshalb wird empfohlen, die dauerhafte Verordnung antipsychotischer
Medikamente über einen langen Zeitraum nicht ohne angemessene Rechtfertigung
vorzunehmen, sowohl aus klinischen als auch aus medizinisch-juristischen
Überlegungen. Dies kann Versuche erfordern, die Neuroleptika abzusetzen.
Das Absetzen der Medikamente ist jedoch mit dem Risiko eines psychotischen
Rückfalls verbunden. Dass eine Anzahl von Patienten nach Beendigung
der antipsychotischen Therapie zumindest in einem kurzen Zeitraum
keinen Rückfall hat, macht alles noch komplizierter.«
(Gilbert et al. 1995, S. 173)
Sowohl psychotherapeutisch ausgerichtete Behandler als auch biologische
Psychiater gestehen intern ein, dass sie nicht wissen, ob Neuroleptika
im Einzelfall eher helfen als schaden. William Carpenter und Carol Tamminga
vom Maryland Psychiatric Research Center in Baltimore, die in ihrer Einrichtung
einen kontrollierten Entzug ermöglichten, kamen zur Einschätzung:
»Obwohl man unerwünschte Vorkommnisse wie Suizid,
enttäuschte Patienten oder Angehörige, Verlust der Arbeit, verschlechterten
Verlauf und Hirnabnormalitäten allesamt während des Medikamentenentzugs
beobachten kann: In aller Regel findet sich dies alles auch bei medikamentierten
Patienten unter klinischer Aufsicht.« (1995, S. 193)
Hanfried Helmchen von der Universitätsklinik Berlin, ein Psychiater,
der eher als harter Verfechter einer neuroleptischen Langzeitbehandlung
anzusehen ist, äußerte sich schon in den 1980er-Jahren in einer
internen Diskussion unter Kollegen auffallend skeptisch:
»Im Rückblick auf die 25 Jahre, seit denen uns Neuroleptika
zur Verfügung stehen, ist festzustellen, dass Indikationsprädiktoren
für eine neuroleptische Behandlung bislang nicht gefunden wurden,
aber dringend nötig wären. Es gibt offensichtlich Patienten,
die auch ohne Neuroleptika symptomfrei werden, und solche, die symptomatisch
bleiben, aber von einer neuroleptischen Therapie keinen Nutzen ziehen,
sondern eher zusätzlich behindert werden.« (1983)
Angesichts völlig unterschiedlicher Ergebnisse bei neueren Absetzstudien
rätseln Psychiater inzwischen, ob es auch Prädiktoren geben
könnte, die die Chancen für ein erfolgreiches Absetzen liefern;
Lex Wunderink und Kollegen der Psychiatrischen Abteilung des University
Medical Center Groningen, Niederlande, kamen zum Ergebnis, dass, wenn
»... das Rückfallrisiko durch vorsichtige und enge
Überwachung bewältigt werden kann, sich bei einigen remittierten
Patienten nach einer ersten Episode eine geleitete Absetzstrategie als
zulässige Alternative zur Dauerbehandlung anbieten kann. Weitere
Forschung ist nötig, um Prädiktoren für ein erfolgreiches
Absetzen zu finden.« (2007, S. 654)
Dass bei manchen Patienten aufgrund der mit der Zeit eingetretenen Abhängigkeit
Neuroleptika nicht mehr abgesetzt werden können, offenbarten Rudolf
Degkwitz und Otto Luxenburger schon 1965 und zeigten somit die Notwendigkeit,
sich möglichst früh mit dem Gedanken ans Absetzen zu befassen:
»Werden die Neuroleptica plötzlich abgesetzt, so entsteht
ein relativer Überschuss an Monoaminen im Hirngewebe, der die geschilderten
Entziehungserscheinungen bewirkt. Nach einiger Zeit können sich die
Gewebe offenbar wieder regenerieren und ein physiologisches Gleichgewicht
wiederhergestellt werden. Aus dem Umstand, dass die Hyperkinesen zum Teil
irreversibel zu sein scheinen, folgt aber, dass bei einem Teil der Patienten
ein irreparabler Schaden eintritt. (...) Aus dem Gesagten geht hervor,
dass die terminalen extrapyramidalen Hyperkinesen (tardiven Dyskinesien)
nur durch neuerliche Gaben von Neurolepticis beeinflusst werden können.
Dies entspricht der bisherigen Erfahrung. Antiparkinsonmittel und alle
anderen Beruhigungsmittel werden praktisch vollständig wirkungslos.
Nur wenn man erneut das gleiche oder ein anderes Neurolepticum verabreicht,
ist eine Rückbildung der Entziehungserscheinungen und der Hyperkinesen
zu erzielen. (...)
Man weiß jetzt ferner, dass es bei einem Teil der chronisch Behandelten
wegen der unerträglichen Entziehungserscheinungen schwierig, wenn
nicht unmöglich wird, die Neuroleptica wieder abzusetzen. Wie groß
dieser Teil der chronisch behandelten Fälle ist, ist ebenfalls nicht
bekannt.« (S. 174f.)
Karl Leonhard von der Charité der Berliner Humboldt-Universität
wertete es geradezu als Kunstfehler, die verordneten Neuroleptika nicht
bald wieder abzusetzen:
»Ich sehe heute leider sehr viele zykloide Psychosen, die
durch eine Dauermedikation in einem toxisch-krankhaften Zustand gehalten
werden, während sie ohne diese Medikation völlig gesund wären.
Wenn man mit der Dauermedikation das Auftreten weiterer Phasen verhüten
könnte, wäre sie auch in solchen Fällen gerechtfertigt,
aber das ist ja leider nicht der Fall. So hält man Patienten, die
zwischendurch, oft für lange Zeit, manchmal auch für immer gesund
wären, in einem toxischen Dauerzustand...« (1980, S. 3)
Nach seinen Langzeitstudien sah der bereits erwähnte Psychiater
Manfred Bleuler schon 1972 keine Hinweise auf einen besseren Verlauf und
Ausgang bei neuroleptisch Langzeitbehandelten, es sei eher das Gegenteil
der Fall:
»Kein einziger Patient, der geheilt oder gebessert während
Jahren oder dauernd außerhalb der Klinik lebte, hat langfristig
Medikamente eingenommen. Die Annahme, die Mehrzahl der gebesserten Schizophrenen
bleibe nur unter neuroleptischen Mitteln auf lange Sicht gebessert, ist
ein Irrtum. Vor allem ist es ein Irrtum anzunehmen, dass sich anzeigende
akute Rückfälle nach Remissionen (Nachlassen von Krankheitssymptomen)
in den meisten Fällen durch neuroleptische Mittel verhindert werden
könnten. Es gibt Dauerremissionen in großer Zahl ohne Neuroleptika
und es gibt Rückfälle in großer Zahl unter Neuroleptika.«
(S. 366)
Eine Vielzahl weiterer Faktoren sollte Anlass sein, sich nicht weiter
von Medizinern und Psychiatern mit ihrem häufigen Drang zur Langzeitverabreichung
von Neuroleptika bevormunden zu lassen:
-
Die Aufenthaltsdauer in der Psychiatrie verringert sich nicht, wenn
man Neuroleptika einnimmt (Hartlage 1965); man kommt sogar eher schneller
heraus, wenn man auf sie verzichtet (Epstein et al. 1962).
-
Rückfälle unter Neuroleptikaeinnahme ziehen
einen längeren Psychiatrieaufenthalt nach sich als Rückfälle,
die in psychopharmakafreiem Zustand auftreten (Gardos & Cole 1976),
und haben eine verstärkte Positiv- und Negativ-Symptomatik
(Grace 1991; Gur et al. 1998; Abi-Dargham et al. 2000; Heinz 2000).
-
Patienten mit der Diagnose Schizophrenie erholen sich
eher in Entwicklungsländern als in Industrieländern mit
ihren entwickelten Systemen der überwachten Psychopharmaka-Langzeitverabreichung
(McGlashan 1988; Jablensky et al. 1992; Leff et al. 1992; Hopper
& Wanderling 2000).
-
Neuroleptika greifen Hirnstrukturen an (Thiele 1969b, S. 1076), verwandeln
den seelisch Leidenden in einen hirnorganisch kranken Menschen (Dörner
& Plog 1980, S. 377) und tragen nichts zur langfristigen Rehabilitation
bei (Niskanen & Achté 1972). Sie stellen lediglich eine
unspezifische Reizbehandlung dar (Selbach 1961; Haase 1963, S. 512;
Philipp 1979), haben keine ursächliche Wirkung auf die Psyche
(Spoerri 1955, S. 203; Bleuler 1975, S. 164f.) und auf den Krankheitsprozess
(Haase 1954, S. 491; Arnold et al. 1960, S. 240) und verhindern in
der Regel ein normales Funktionieren im Alltag (Schooler
et al. 1967). Sie vermögen Psychosen nicht zu heilen, beeinflussen
lediglich ihre Entäußerungen (Thiele 1969a, S. 449; Schönhofer
& Schwabe 1984, S. 223), führen sehr oft zum sozialen Abstieg
(Müller et al. 1986) und sind wesentlicher Bestandteil der Bedingungen
für die um bis zu drei Jahrzehnte herabgesetzte Lebenserwartung
psychiatrischer Patienten (Colton & Manderscheid 2006; Manderscheid 2006; 2009; Aderhold 2008; Chang et al. 2011).
-
Neuroleptika verhindern die Gesundung (Stierlin et al. 1985; Harding et al. 1987). Aufdeckende psychotherapeutische Verfahren
werden von vornherein in ihrer Wirkung behindert, Selbstheilungskräfte
unterdrückt, psychotische Prozesse bei der Rückbildung gehindert.
Zu dieser Erkenntnis kam Klaus Ernst von der Universitätsklinik
Zürich, der zu Beginn der 1950er-Jahre systematische Selbstversuche
mit dem Neuroleptikaprototyp Chlorpromazin (Largactil) durchführte.
Nach Tests an sich selbst und an seiner Ehefrau Cécile wies Ernst
auf den zweischneidigen Charakter der modernen neuroleptischen Symptomdämpfung
hin; seine ausführliche Schilderung lässt ahnen, weshalb
die Chancen für eine erfolgreiche konfliktaufdeckende (»entwickelnde«)
Psychotherapie unter psychiatrischen Psychopharmaka, insbesondere
Neuroleptika, auch heute noch so kritisch zu beurteilen sind, hat
sich doch die Funktionsweise des menschlichen Gehirns in den letzten
Jahrzehnten nicht verändert:
»Für uns liegt das Schwergewicht auf der Erzeugung
eines soweit wir bis heute wissen reversiblen hirnlokalen
Psychosyndroms. Diese Auffassung bringt auch die Frage nach dem Verhältnis
zur begleitenden Arbeitstherapie und zur Psychotherapie mit sich. In Bezug
auf die erstere können wir uns kurz fassen. Die Largactilkur verträgt
sich ausgezeichnet mit jeder routinemäßigen Arbeitstherapie.
Die Kranken stehen schon nach wenigen Tagen auf und nehmen ohne erhebliche
orthostatische (bei aufrechter Körperhaltung auftretende) Beschwerden
an der Arbeit teil. Freilich handelt es sich um leichte Arbeit unter pflegerischer
Aufsicht. Komplexer ist das Problem des Zusammenwirkens mit der Psychotherapie.
In der Erinnerung an unsere Selbstversuche können wir uns zunächst
eine gleichzeitige Psychotherapie an uns selber kaum vorstellen. (...)
Außerdem müssen wir zwischen der führenden und der entwickelnden
Psychotherapie unterscheiden. Für die erstere bildet die entspannende
Wirkung des Medikamentes eine gute Voraussetzung. Wir sind uns aber klar
darüber, dass das Mittel die gesamte und nicht nur die krankhafte
Affektivität dämpft. Eine solch umfassende Dämpfung könnte
vielleicht auch diejenigen Impulse erfassen, die Selbstheilungstendenzen
entspringen. Einzelne freilich unkontrollierbare Eindrücke bei akut
Erkrankten ließen uns sogar die Frage aufwerfen, ob nicht unter
der medikamentösen Apathisierung eine Stagnation der psychotischen
Entwicklung auftreten kann, die nicht bloß das Rezividieren (Wiederauftreten),
sondern auch das Remittieren (Rückbilden) betrifft.« (1954,
S. 588)
-
Patienten, die Neuroleptika rasch wieder absetzen, haben auf lange
Sicht tendenziell bessere Aussichten, sich zu erholen und zu funktionieren,
als Patienten in Langzeitbehandlung (Harrow & Jobe 2007).
-
Wer seine Krisen ohne psychotrope Substanzen meistert, hat mittel-
und langfristig bessere Aussichten auf ein funktionierendes
Leben (Goldberg et al. 1965; Hogarty et al. 1974; May & Goldberg 1978; Wehde 1991, S. 44-50), wird anschließend weniger häufig
psychotisch als Psychopharmakabehandelte und landet seltener
erneut oder erst gar nicht auf einer psychiatrischen Station (Bockoven
& Solomon 1975; Rappaport et al. 1978; Matthews et al. 1979; Young
& Meltzer 1980; May et al. 1981; Heinrichs & Carpenter 1985; Lehtinen
et al. 2000; Bola & Mosher 2003). Der Blick auf den schnellen Erfolg
Ruhigstellung und Management gilt manchem Psychotherapeuten
als grundfalsch: wichtig seien persönliche Entfaltung sowie Veränderung
von krank- und verrücktmachenden Familienverhältnissen (Haley 1989).
Psychotherapeutische Hilfen werden durch den Einsatz von Psychopharmaka
sabotiert, erläuterte der Schweizer Arzt und Psychotherapeut Marc Rufer.
Stehen die Betroffenen unter deren Einfluss, lasse sich kein Resultat
mehr beurteilen und meist gehe es in Gesprächen nur noch um störende Wirkungen
der Psychopharmaka und nicht mehr um die eigentlichen Probleme der Betroffenen:
»Gleichzeitig wird der KlientIn mit der Verschreibung des
Psychopharmakons sehr deutlich gezeigt, dass ihr eine Besserung ihres
Zustandes ohne chemische Hilfe nicht zugetraut wird, was einen sinnvollen
Verlauf der Psychotherapie verhindert.« (1996, S. 27)
Verlockung der Psychiatrie
Wie leicht Menschen in eine körperliche und psychische Abhängigkeit von
Psychopharmaka, in diesem Fall von Neuroleptika kommen, ist selten klarer
geschildert worden als von der unter dem Pseudonym »Vera Stein«
bekannten Psychiatriebetroffenen aus Deutschland. Diese war als 15-jähriges
Mädchen wegen Unangepasstheit und Wildheit von ihren Eltern, die in ihren
Erziehungsbemühungen überfordert waren, in die Psychiatrie gebracht worden.
Zuerst mit Zwang und Gewalt unter Psychopharmaka gesetzt, entwickelte
sie mit der Zeit einen Drang zur Selbstbetäubung:
»Ich hatte lernen müssen, bei auftretenden Angstgefühlen
vom Angebot der Ärzte und Pfleger Gebrauch zu machen und selbst Zusatzmedizin
abzuholen. Es fiel anfangs nicht leicht, da ich mich an früher erinnerte,
wo ich das Zeug gar nicht brauchte, doch nun gab es Sicherheit und Ausgeglichenheit.«
(1995, S. 144)
Nach einem erfolglosen ersten Absetzversuch bei einer ehemaligen Leidensgenossin
verbrachte sie in deren Familie zwei Jahre in Stummheit und kehrte dann
in ihre eigene Familie zurück, um von dort einen Arbeitsplatz in der Behindertenwerkstatt
anzutreten. Sie hatte Glück, denn zum einen entsetzten sich einige Betreuer
über die Vielzahl und Dosis der verordneten Psychopharmaka, und zum anderen
überwies sie der Arzt, den die Behinderten alle paar Wochen
aufsuchen mussten und der ebenfalls über die Medikation erschrak,
zu einer Logopädin zur Sprachbehandlung. Dies hatte zur Folge, dass die
Psychopharmaka reduziert wurden und Vera Stein aus dem pharmakologischen
Dämmerschlaf erwachte. Wieder führte das Wacherwerden und die zunehmende
Sensibilität zu stärkeren subjektiven Qualen über das Nichtsprechenkönnen,
doch mit Gekritzel auf Schiefertafeln und Pfeifen konnte sie sich verständigen.
Trotz des Wissens, wie die psychiatrische Behandlung ihre Lebensqualität
nahezu vollständig zerstört hatte, hielt sie den Blick nach vorne gerichtet
und schaffte mit Hilfe von außen schließlich den völligen
Ausstieg aus der Psychiatrie. Anschließend reflektierte sie die
Gefahr, in der sich diejenigen befinden, die sich in medizinische Hände
begeben und Verantwortung abgeben. Sie drohen im psychiatrischen Sumpf
unterzugehen und landen in Heimen, Übergangseinrichtungen,
im Betreuten Wohnen oder anderen gemeindenahen Verwahreinrichtungen:
»Man verfällt leicht in die Ausrede zu sagen, ich bringe
dies oder jenes nicht fertig, ohne es überhaupt versucht zu haben. Werden
Handgriffe unter Druck verlangt, kann es passieren, dass man mitleiderregende
Krankheitsfloskeln nur vorschiebt. Arbeit soll einem abgenommen werden.
Man will sich am Ende jeglicher Anstrengung, aller Mühe und allem Neuen
entziehen. (...)
Dann will man freiwillig in die Psychiatrie zurück,
dorthin wo man sich heimisch fühlt, wo man hinter verschlossenen Türen
den Tag verdöst und sich mit Hilfe von Medikamenten in ganz eigene Welten
zurückziehen kann. Man wird entwöhnt und verlernt, selber zu leben, man
lässt sich fallen und treiben, vegetiert dahin. Das einzige, was einem
noch selbst gehört, sind Gedanken, obwohl diese wegen der Müdigkeit und
des Gedämpftseins selten in Gang kommen. Man braucht als Kranker, als
Kranke keine Verantwortung zu tragen, wie vorher für die Familie oder
im Beruf, jetzt tut man es nicht einmal mehr für sich selbst. Man gilt
als unzurechnungsfähig und als anstaltsbedürftig. Es wird einem kein selbstständiges
Handeln und Denken mehr abverlangt. Man ist abgeschirmt von allen Problemen,
vom Existenzkampf und von der Härte des Alltags. Man kann sich einfach
ins Bett verkriechen und die Decke über den Kopf ziehen, um sich aus der
Realität zu entfernen.
Zudem wird der Körper mit Psychopharmaka betäubt, deren Wirkung
und Dämpfung die Flucht aus der Wirklichkeit und dadurch das Weggetretensein
noch erleichtern. Krankheitssymptome helfen und geben Schutz. Mit der
Zeit aber fühlt mach sich hin- und hergerissen, will einerseits gesund
sein und will endlich aus dem Dilemma heraus, andererseits macht die Normalität
gerade Angst.
Wer selbst wirklich will, auch die nötigen Unterstützungen und
positiven Bedingungen der Umwelt entgegengebracht bekommt, wer außerdem
das gesundheitliche Stadium dazu erreicht, der kann den Schritt schaffen,
ein Leben aufzubauen, ohne wieder in einer Psychiatrie zu landen.«
(ebd., S. 187-189)
Am Beispiel von Neuroleptika legte Lars Martensson den Schwerpunkt seiner
Kritik auf die Orientierung an kurzfristigen Erfolgen, deren Befürworterinnen
und Befürworter sich keine Gedanken über die mittel- und langfristigen
Folgen ihres Handelns machen:
»Wenn die Psychose ohne Medikamente besiegt wird, wird
der Glaube des Patienten an sich selbst und die Mitmenschen angewachsen
sein. Diese Dinge Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und Glaube
an Mitmenschen sind genau das, was er braucht, um mit der Zeit
seine Schizophrenie endgültig zu überwinden. Wenn Medikamente benutzt
werden, wird er die entgegengesetzte Lehre ziehen und sich auf dem Weg
steigender Medikamentenabhängigkeit befinden.« (1988, S. 5)
Anmerkung
Die Übersetzung der englischsprachigen Zitate und die Erläuterungen in
kursiven Klammern stammen vom Autor.
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